Friedrich Stanger – Lebenslauf

Friedrich Stanger

Autobiografie – von ihm selbst erzählt

Wie aus einem gottlosen Mann ein Gottesmann wurde

Ich bin am 5. Februar 1855 in Möttlingen als uneheliches Kind in einem Lumpensammlerhäusle geboren. Ich habe den Namen „Friederle“ bekommen, und der gefällt mir auch gut. Man hat mich eben „s'Waldschützen-Friederle“ genannt. Von Jugend auf war ich verachtet. Selbst meine Mutter Barbara Heilemann, geb. Stanger, sagte mir, daß sie noch nie eine Liebe zu mir gehabt habe. Das kam davon her, weil sie mich nicht selber erziehen konnte; denn sie war eine arme Dienstmagd. Erst in meinem achten Lebensjahr verheiratete sie sich nach Bad Liebenzell.

Ich wurde also von meinen Großeltern erzogen, aber ganz gering (einfach). Ich hatte noch nicht einmal ein eigenes Bettle. Man legte mich am Fußende meiner Großeltern unten herüber; sie hatten eine große Himmelsbettlade, wie man sie früher gehabt hat. Da bekam ich manchen Puffer von ihnen. Ich bin oft davon aufgewacht und habe geweint und in die Höhe geschaut. Wenn ich dann gesehen habe, daß meine Großeltern schliefen und nichts von mir wollten, war ich froh und legte mich wieder hin und schlief weiter. Es wurde mir auch von den Leuten erzählt, man hätte oft von mir gesagt, als ich noch ein kleines Büble war „Wenn nur das Kind sterben würde“, weil meine Großeltern so arm waren. Mein Ähne (Großvater), der ein Schuhmacher war, hat mich aber sehr lieb gehabt; wenn er mich zu sich zog, hat er dabei leise geschnalzt. Und wenn die Möttlinger haben wollten „Schaff doch dei Friederle fort! Was tust du denn mit ihm? Hast ja selber nicht viel“, dann sagte er „Solange ich noch Grombiere (Kartoffeln) im Keller hab, kommt mir mei Friederle net fort!“

Meine Ahne (Großmutter) war eine ehrbare Frau. Eines Tages wollte mir meine Ahne neue Hösle geben, weil die alten zerrissen waren. Sie hielt mir so nett die Hösle hin und sagte „Guck, Friederle, du kriegst neue Hösle.“ Da sagte ich energisch „Ich geb meine Hösle net her, und ich geb meine Hösle net her.“ Wie ich am andern Morgen aufgestanden bin, hat mir die Ahne ganz schön die neuen Hösle angezogen. Ich habe es gar nicht gemerkt.

So wollte sie mir auch einmal Schläge geben und ist mir nachgesprungen. Mein Ähne hat das mit angesehen und rief mir zu „Friederle, komm, spring auf mein Buckel.“ Schnell habe ich es so gemacht und habe meine Händle um seinen Hals geschlungen. Und die Händle, die kleinen, haben ihm so wohlgetan. Dann sagte er zu meiner Ahne „Komm mir ja net her und laß mir mei Friederle in Ruh.“

Ich ging auch zur Kindersschule und erinnere mich noch, wie wir Kinder das Holz auf die Bühne tragen mußten. Man sagte uns, daß man dadurch starke Hände bekommt. Und so habe ich fleißig Holz hinaufgetragen und immer wieder meine Händle betrachtet, ob sie jetzt stark sind.

Meine Ahne hat früher Lumpen gesammelt. Da kann ich mir noch gut denken, wie sie mit ihrem Päckle und Ellenmaß unter dem Arm in die Ortschaften gegangen ist und hat dort die Lumpen gekauft. Ich mußte dann die Lumpensäcke holen und auf einem Karren heimziehen. Nachher brachten wir die Lumpen in die Ochsenscheuer, wo sie verlesen worden sind. Von Zeit zu Zeit kam ein Mann, genannt das „Lumpenjüdle“, und hat die Lumpen gekauft.

Einmal bin ich allein daheim gewesen – meine Ahne war auf dem Feld – und habe großen Hunger gehabt. Da bin ich an meiner Ahne ihr Küchenkästle gegangen im Öhrn (Hausflur), das nicht verschlossen war, und habe den dicken Kuchen herausgeholt. Den konnte ich aber kaum halten. Mit einem Messer habe ich mir dann rings um den Laib herum ein Stück heruntergeschnitten. Das Messer ist etwas tief gegangen, und das Stück ist ziemlich groß geworden. Ich habe dann mehr Hunger verspürt und noch ein Stück abgeschnitten. Ich habe aber alles aufgegessen, so daß es für mein Mägle doch zu viel war und es schier verplatzte. Jetzt hat mir mein Gewissen geschlagen. Und als meine Ahne heimkam und das Küchenkästle aufmachte, habe ich Angst gehabt, sie könnte es merken, daß ich von ihrem Kuchen genommen habe, und bin zu ihr hingestanden. Wie froh war ich, als sie nichts sagte, und bin wieder davongesprungen. Oft denke ich noch mit Dankbarkeit an meine liebe Ahne, und es tut mir heute noch leid, daß sie seinerzeit die Pocken von mir geerbt hat und daran gestorben ist.

Auch an Pfarrer Blumhardt erinnere ich mich noch ganz gut. Er kam jedes Jahr einmal am 1. Mai von Bad Boll nach Möttlingen zu Besuch. Ich war etwa fünf Jahre alt und habe noch ein Röcklein angehabt. Da sah ich ihn auf der Straße, als er mit unserem Nachbarn, Schuhmacher Klein, sich unterhalten hat. Ich blieb stehen und schaute immer an ihm hinauf, weil ich einen solchen dicken Herrn noch nie gesehen hatte. Dabei hat Blumhardt unsern Nachbarn gefragt, wem ich gehöre. Und als er das gewußt hat, sagte er „So, so“, und zu mir „Komm her, Kleiner, gib mir einen festen Patsch.“ Aus Leibeskräften habe ich in seine Hand eingeschlagen, und Blumhardt hielt mein Händchen fest. Da bekam ich eine solche Freude, daß ich um ihn herumgesprungen bin.

Einmal ist ein Farren wild geworden und durchgegangen. Das habe ich gesehen, holte meine Steinschleuder und traf das Tier mitten auf die Stirn. Der Farren blieb sofort stehen und ließ sich willig heimführen.

Ein andres Mal sah ich, wie vom Gasthaus zum Ochsen her ein mit zwei Pferden bespannter Bierbrauerwagen ohne Fuhrmann dahergerast kam. Vor unserm Häuslein lag ein Tannenwipfel. Den nahm ich, stellte mich mitten auf die Straße und warf ihn den Pferden entgegen, direkt vor die Füße. Sie standen sofort still. Nachher kam der Fuhrmann und bedankte sich bei mir.

Von meinem achten Lebensjahr an bis zu meiner Konfirmation wohnte ich mit meinen Eltern in Bad Liebenzell. Dort ging ich in die Volksschule. Und weil sich daheim niemand um mich kümmerte, machte ich manches falsch und bekam dafür viel Schläge. Ich erinnere mich auch noch, daß in meinem Lesebuch gestanden hat „Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land“ und daß der Lehrer sagte, ich hätte die schönste Handschrift.

Während meiner Schulzeit bekam ich an meinem rechten Arm den Muskelschwund. Meine Mutter ging mit mir zu einem Mann nach Unterlengenhardt. Dort wurde ich geheilt. Dieser Mann hat aber nicht im Namen Jesu geheilt, denn er war ein Sympathietreiber (Braucher, Zauberer). Er ging jeden Mittwoch, Freitag und Sonntag in die Kirche. Und da saß er immer an seinem gleichen Platz, vorne dran. Dadurch ließen sich die Leute irre führen und meinten, er wäre fromm. Aber es wurde offenbar, welches Geistes Kind er war. Da hat er einmal sein Vieh auf der Weide gehabt. Plötzlich ist es auf und davon gegangen. In seinem großen Zorn sagte er zu seinem Knecht „Michel, morgen ist es das erste, daß wir das Vieh halb tot schlagen.“ Er durfte den Morgen nicht mehr erleben. Noch in derselben Nacht ist er gestorben.

So bin ich auch einmal auf dem Marktplatz in Liebenzell gestanden und habe gesehen, wie in der Luft ein Sperber auf eine Schwalbe losfuhr. Die Schwalbe wehrte sich gegen den Sperber. Der gab ihr einen Hieb. In ihrer Angst flog sie tief herunter, gerade in meine Hand. Und der Sperber kam im Flug hintennach. Ich packte auch ihn und hielt so die beiden fest, die Schwalbe in der linken und den Sperber in der rechten Hand. So habe ich sie gegeneinander gehalten. Da bekam der Sperber eine große Wut und wollte mit aller Gewalt auf die Schwalbe loshauen. Und die hat eine Angst gehabt! Ich hielt aber den Sperber fest; er konnte nicht zur Schwalbe hin. Da auf einmal merkte er, daß er in Gefangenschaft war. Er guckte mich an und zitterte vor Angst am ganzen Leib. Nach einer Weile ließ ich ihn los, und er flog auf und davon. Wie ich ihn nicht mehr sah, machte ich auch die andere Hand auf, und die Schwalbe flog in entgegengesetzter Richtung davon in einen Garten beim Ochsen hinein und ließ einen solchen Dankschrei von sich, daß ich ihn nie vergessen kann. Ähnlich durfte ich später auch einmal einer Amsel helfen.

Ich hab einmal mit meinen Kameraden in der Nagold gebadet. Die sagten mir, ein gebratener Fisch sei so gut, und ich hätte gern gehabt, daß meine Mutter mir einen braten würde. Ich tauchte gleich unter, machte meine Augen auf und sah in der Nähe zwei große Fische. Langsam ging ich auf sie zu, packte den einen, warf ihn auf die Wiese und sagte „Da habt ihr einen Fisch.“ Im gleichen Augenblick kam aber auch eine Kreuzotter auf mich zugeschwommen und zeigte mir ihre wüsten Zähne. Ich sagte „Wart, du kommst mir gerade recht.“ Sie zielte gerade auf mein Herz zu. Ich hatte aber keine Angst. Wie der Blitz habe ich sie hinter dem Kopf gepackt und in einem großen Bogen auf die Wiese hinausgeworfen. Meinen Kameraden habe ich zugerufen, sie sollten die Schlange totmachen. Als wir das nächste Mal, acht Tage später, wieder gebadet haben, ist der Fischpächter gekommen und hat mit mir geschimpft „So, du willst mir meine Fische stehlen; war nur, ich will dir helfen.“ Ich habe es nicht gewußt, daß man das nicht darf. Ich dachte „Die Fische schwimmen ja im Wasser; die kann doch holen, wer will.“ Meine Kameraden sagten zu mir „Der soll froh sein, daß er überhaupt einmal einen Fisch bekommt; er fängt ja doch das ganze Jahr keinen.“

In unserem Nachbarhaus wurde öfter Versammlung gehalten. Da habe ich mich ganz weit zum Fenster hinausgelehnt, denn ich wollte so gern zuhören, und hinüber durfte ich nicht. Ich habe mir damals gar nicht denken können, was das ist, daß ich auf einmal so ein großes Verlangen in mir habe. Heute weiß ich es. Es ging mir, wie es in Psalm 42 heißt „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Ich dachte immer wieder „Ach wenn ich nur auch in die Versammlung hinüber dürfte.“ Aber mein Stiefvater und meine Mutter waren Feinde des Kreuzes Christi und schimpften immer über diese „Frommen.“ Mein Stiefvater war nämlich ein jähzorniger Mensch wie alle Trinker. Er kam einmal nachts spät heim und fand seinen Schlüssel nicht. Da kam er an mein Bettle her und schlug immer auf mein Brüstle hinein. Ich wußte gar nicht warum. Mir ging schier der Atem aus; so hat er mich mißhandelt. – Auch meine Mutter hat mich viel geschlagen. Noch abends vor dem Schlafengehen konnte sie sagen „Jetzt betest du das Vaterunser. Wenn du aber einen Fehler machst, haue ich dich recht durch.“ (So lieblos sie mich damals behandelte, so ist sie später, vor ihrem Tode, mir noch ein liebes Herzensmütterlein geworden. Sie durfte hier in der Arche selig heimgehen).

Selbst meinem Bruder hat es leid getan, daß mich meine Mutter so behandelte. Eines Tages habe ich mit meinem Bruder zusammen ein Stück zum Bleichen ausgebreitet. Da bin ich stillgestanden und habe geweint und geklagt „Warum schlägt mich die Mutter auch immer so? Ich möchte doch wissen, warum.“ „Ja, das möchte ich auch wissen“, sagte mein Bruder, der nur selten Schläge bekommen hat. Und wir weinten miteinander. Das tat mir so wohl. Ich konnte es meiner Mutter machen, wie ich wollte; sie war einfach nicht zufrieden. Ich erinnere mich noch, wie wir miteinander von Liebenzell nach Möttlingen gingen. Ich hatte ein Spazierstöckle in der Hand und mußte vorausgehen. Immer wieder rief sie „trägst mir dei Stöckle recht!“ Dann begegnete uns ein Bauersmann. Der fragte mich „Kleiner, wo gehst du hin?“ Ich gab ihm Antwort, und schon rief meine Mutter „Wart, ich will dir mit dem Mann reden; mach, daß du fortkommst und laufst mir recht!“ Ich wußte nicht, wie machen. Hätte ich dem Mann keine Antwort gegeben, hätte es sein können, daß er mir eins ausgewischt hätte. Und da ich ihm Antwort gegeben habe, war es meiner Mutter nicht recht. Durch solche Mißhandlungen wurde ich mit der Zeit sehr niedergedrückt. Meinem Bruder ging es dagegen besser. Der konnte tun und treiben, was er wollte. Da sagte die Mutter kaum etwas. So beklagte ich mich einmal über ihn, weil er so unartig war. Da sagte meine Mutter kein Wort und schlug mir so eins auf die Backen, daß ich bereits umgefallen bin. Darüber war ich sehr traurig und mußte bitterlich weinen. Sogar die Buben auf der Straße verachteten mich. Sie haben mir oft gedroht „Dich verhauen wir recht“, und ich wußte gar nicht, warum. Das Leben war mir so verleidet, daß ich dachte „Was tu' denn ich auf dieser elenden Welt?“ Ja, ich hielt mir sogar einmal schon das Messer an den Leib und wollte mir den Leib aufschneiden. Ich durfte es aber nicht tun. Meine Hände waren wie gelähmt. Ich war damals elf Jahre alt.

Auf all das Traurige hin durfte ich auch etwas Wunderbares erleben. Ein Freund sagte mir eines Abends „Komm mit zum Lehrer in die Stund'“ (Privat-Erbauungsgemeinschaft). Ich ging mit. Der Lehrer sprach über eine Stelle in der Offenbarung. Hier traf mich das Wort Gottes mächtig; es hat mich so zusammengeschlagen, während ich in der Kirche gewöhnlich geschlafen habe und dafür meistens „Tatzen“ bekam. Ich mußte nun bitterlich weinen und bekam noch am Abend Frieden mit Gott. Fröhlich eilte ich nach Hause. So glücklich war ich noch nie vorher gewesen. In jener Sunde habe ich den Geist Gottes empfangen. Ich war bekehrt; nur wußte ich noch nicht, daß man das Bekehrung heißt.

Kaum lag ich im Bett und hatte im Herzen eine unbeschreibliche Freude, da sah ich auf einmal einen strahlenden Engel, eine herrliche, glänzende Lichtgestalt in schneeweißem Gewand. Es war der Engel des Herrn. Er ging auf mein Bett zu und hielt eine goldene Schale in der Hand. Mein Herz zitterte vor Schreck, und dennoch streckte ich voller Freude meine Hände nach ihm aus und wollte rasch zulangen. Der Engel stand ganz nahe vor mir. Wie ich aber trinken wollte, sind meine Hände steif geworden. Da war er plötzlich verschwunden. Aber die Freude und ein tiefer, seliger Friede in meinem Herzen blieben mir. Das habe ich nicht phantasiert oder geträumt. Ich war vollständig wach. In meinem späteren Sündenleben ist mir dieser Engel oft erschienen. Dadurch wurde ich immer wieder an dieses Erlebnis erinnert.

Am andern Tag ging ich voll Freude in die Schule. Mein Lehrer sah mich so an, als ob er etwas Besonderes an mir sehen würde. Ich schaute ihm fest und froh in die Augen und wartete darauf, daß er an mich eine Frage richtet. Er hat aber nie etwas darüber mit mir gesprochen. Ich fürchtete mich nämlich vor ihm, weil er sehr streng war, und war traurig, daß er auch nie ein liebes Wort für mich übrig hatte. Die Freude über das Erlebte ist noch lange in mir geblieben. Noch einmal bat ich meinen Freund, er möchte wieder mit mir in die Stunde gehen. Aber er fertigte mich kalt ab „Ich gehe nicht mehr hin!“ Allein aber wollte ich nicht gehen, weil ich mich vor dem Lehrer fürchtete. Später hat der Lehrer mich um Verzeihung gebeten, daß er so an mir gehandelt hat. Über meinen Freund war ich sehr traurig, und meine Freude nahm immer mehr ab, bis ich alles verloren hatte; denn ich kam ja nicht mehr unters Wort.

Auch mein Stiefvater war mir kein Vorbild. Er war ein Trinker, der später am Trinkerwahnsinn gestorben ist. Ich mußte ihn vielmals von meiner Mutter aus in den Wirtschaften suchen und abholen. Oft mußte ich mich neben ihn hinsetzen und mittrinken. Und so habe ich manchmal zuviel gehabt. Das war seine größte Freude. Er konnte es gar nicht leiden, wenn ich nicht auch so lebte wie er. Der dortige Unterlehrer saß auch einmal neben ihm. Als sie mich sahen, lachten sie über mich. Da sagte ich mir „Der Lehrer muß doch auch wissen, was recht ist; wenn der sich freut im Wirtshaus, dann will ich's auch so machen.“

Von da an konnte ich's nicht mehr erwarten, bis ich aus der Schule entlassen wurde. Ich habe auch nicht mehr lernen wollen und Gottes Wort hören mögen. Der Teufel war wieder in mich gefahren. Vorher war ich sehr sparsam gewesen. Jetzt wurde es anders. Ich konnte auch nicht mehr glauben, daß Jesus der Sohn Gottes ist.

Am 18. April 1869 wurde ich in der Stadtkirche zu Bad Liebenzell konfirmiert. Mein Konfirmations-Denkspruch, den ich auf einem Zettel gedruckt mitbekommen habe, hat geheißen „Sei stille dem Herrn und warte auf IHN!“ (Psalm 37,7).

Nach meiner Konfirmation war ich froh, daß aller Zwang aufhörte. Gern hätte ich ein Handwerk gelernt. Aber meine Mutter, die mich nicht leiden konnte, sagte, ich müßte in die Fabrik. So kam ich nach Pforzheim in die Goldwarenfabrik Rots & Notwang 3 ½ Jahre zur als Goldschmiedelehrling. Es ging mir dort gut. Ich bekam während der ganzen Lehrzeit kein unschönes Wort zu hören. An jene Zeit erinnert mich ein besonderes Erlebnis. Ich sah auf der Straße ein Pferd mit dem Wagen durchgehen. Auf dem Wagen saß ein Vater mit seinem Kind. Er hatte keine Zügel in der Hand und konnte das scheue Pferd nicht mehr anhalten. Rasch sprang ich diesem mit der einen Hand in die Zügel, und mit der andern klemmte ich ihm die Nase zu. Sofort stand das Pferd still. Unter Tränen dankte mir der Vater „Sie haben mir und meinem Kind heute das Leben gerettet.“

Leider konnte ich im Beruf als Goldschmied nicht bleiben, weil meine Lunge erkrankte. Mein Prinzipal hat mich nicht gern fortgelassen. Er hat mir sogar angeboten, er wolle mich aufs Büro nehmen. Ich wollte aber nicht in Pforzheim bleiben, weil ich auf dem Weg von dort nach Liebenzell einmal ein unheimliches Erlebnis gehabt habe. Und diesen Weg mußte ich jeden Samstagabend zu Fuß machen, weil damals noch keine Bahn ging. Dann ging ich nach Möttlingen und half dort eine Zeitlang den Bauern bei der Landwirtschaft.

An einem schönen Frühlingstag hockte ich auf einem Acker auf der Berghöhe, gleich neben der Weilderstädterstraße auf der Waldseite. Wie ich fertig war, sagte eine Stimme zu mir „Da geh hinüber über den Weg und sieh das Fruchtfeld an!“ Ich sagte „Was soll ich da drüben tun? Ich sehe ja alles von hier aus. Es ist alles eben. Ich bin doch kein Bauer; ich brauche nicht hinüberzugehen.“ Da wurde ich von hinten gepackt wie von einem starken Wind.

Ich wurde so geschoben, daß ich fast springen mußte. Das war der Herr, der mich so gedrängt hat. Er stellte mich vor einem Steinhaufen hin. Darauf waren beim Säen einige Körner gefallen, die aufgegangen waren, weil ein wenig Erde darauf lag. Die Halme waren schon über 20 Zentimeter lang. Der Same im umliegenden Ackerfeld war noch nicht aufgegangen. Ich habe mich gefreut und bei mir laut gesagt „Das ist gut, da können die Bauern zweimal ernten.“ (Ich habe es nicht besser verstanden.) Dann habe ich es untersucht. Es war noch Erde darauf und alles in Ordnung. Jetzt mußte ich über den Acker hinschauen, wurde aber fast ungeduldig, daß da der Same so lang nicht aus dem Boden herauskam. Ich ging nach Hause; aber immer wieder stand das Samenfeld vor mir. Ein paar Wochen später, an einem sehr heißen Sonntagnachmittag, hat es mich innerlich gedrungen, wieder auf denselben Acker zu gehen, um nach der Frucht auf dem Steinhaufen zu sehen. Als ich hinkam, war alles dürr. Das gab mir einen Stich ins Herz, und ich bin vor Schrecken geradezu zurückgesprungen. Der Regen hatte an den Wurzeln der Frucht die Erde weggeflößt, und die Steine waren so heiß, daß man sie schier nicht anrühren konnte. Dann habe ich gesagt „Da kann man natürlich nicht zweimal ernten; das ist ja klar. Man kann nur ernten, wo der Same tief in guten Boden gefallen ist.“ Jetzt mußte ich zum guten Boden hinsehen. Hier stand die Frucht schon zehn Zentimeter hoch und war ausnahmsweise kräftig und saftig und grün. Es war ein wundervoller Anblick. Darüber wurde ich wieder froh und mußte zum Himmel aufschauen. Ich wußte aber nicht, was das alles zu bedeuten hatte, denn das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld war mir noch unbekannt.

Bald darauf kam ich nach Stuttgart zu Stallmeister Fritz (Kasernenstraße), wo ich Pferde zu besorgen hatte. Dort wurde ich ein böser Mensch. Das Samenfeld habe ich ganz vergessen. Nach Möttlingen wollte ich überhaupt nicht mehr. Nur auf einige Stunden kam ich hie und da wieder hin. Bei diesem Stallmeister Fritz hatte ich Junge Kollegen, die alles vertranken. Weil ich einigermaßen noch sparte, verspotteten sie mich „Du bist ein rechter Hungerleider! Von dir kann man noch Geld entlehnen!“ Da regte sich mein Stolz, und ich sagte „Das will ich euch beweisen, daß ich kein Hungerleider bin!“ Sogleich ging ich mit ins nächste Wirtshaus. „So, jetzt kannst du uns gleich etwas bezahlen; Geld hast du ja genug“, sagten sie. Ich sagte „Ja, das will ich tun!“ und bezahlte jedem ein Glas Bier. Aber das war ihnen zu wenig. „Du kannst auch Wein bezahlen!“ „Jawohl, das kann ich auch!“ Ich bezahlte und trank selbst, und nun war ich im Trinken gefangen und kam nicht mehr los. Von da an sank ich immer tiefer und mußte fast täglich ins Wirtshaus, obwohl es mir innerlich oft widerstrebte.

Mit Stallmeister Fritz kam ich während der Sommersaison auch nach Baden-Baden in die Reitschule. Hier haben wir einmal Pferde eingefahren, wobei Stallmeister Fritz die Zügel hielt. Die Pferde gingen ihm aber durch; ich habe schnell die Bremse zugedreht und konnte sie zum Stillstehen bringen. Stallmeister Fritz sagte „Sie haben mir heute das Leben gerettet.“

Bierbrauer Lindenmeyer in Stuttgart hat bei einer Schlittenfahrt in einer Kurve umgeworfen, und seine Pferde gingen auf und davon. Herr Lindenmeyer lag auf dem Boden, hatte die Zügel in der Hand und wurde so fortgeschleift. Ich sprang den Pferden in die Zügel und konnte sie anhalten.

Als Kutscher kam ich auch nach Donaueschingen zu dem Leibarzt des dortigen Fürsten (Hofrat Dr. R.), wo ich ein Pferd zu besorgen hatte und etwa 3 ½ Jahre war.

Später diente ich bei einem Forstmeister in Waldenbuch im Schönbuch bei Stuttgart. Dort mußte ich ausreiten und ausfahren. Er hatte ein scharfes Pferd. Das ging immer rückwärts und vorwärts; ich konnte es aber meistern. Als wir einmal zu zweit ausritten, rief ein Bauer meinem Herrn zu „Sie, ihr Diener sitzt anders auf dem Pferd wie Sie.“ Ich war schlank, konnte gut reiten, und der Förster sagte auch, man könnte mich gut gebrauchen. Aber leider betrank ich mich oft, was der Förster sehr bedauerte und mich deshalb auch wieder entlassen mußte. Bei allem hatte ich aber doch ein Verlangen, frei zu werden. Das zeigte sich besonders, als wir bei einer Fahrt durch eine Ortschaft an einem Haus vorbeikamen, in welchem gerade Versammlung war und ein Gesangbuchlied gesungen wurde. In meiner Seele war ein Schrei, und ich wäre am liebsten hingesprungen, hätte die Türe aufgerissen, mich auf den Boden gestürzt und gerufen „Helft mir doch, ach, helft mir doch!“ Ich mußte aber weiterfahren und blieb auch weiter gebunden.

Nach dem bekam ich in Stuttgart wieder Arbeit. Auf einmal sagte mir eine Stimme „Kehre um! Werde ein andrer Mensch!“ Kurz darauf kam die Stimme nochmals „Kehre um! Werde ein andrer Mensch! Du mußt auch einmal sterben!“ Dann bin ich erschrocken und sagte „Ja, ich möchte wohl, aber ich habe niemand, der mir den Weg zeigt.“ Da kam mir der Vers in den Sinn „Tu uns nach dem Lauf deine Türe auf“ (aus dem Lied 'Jesu, geh voran'). In meiner Unruhe sagte ich „Gibt's denn keinen Ausweg?“ Nun hörte ich eine andere Stimme „O du lebst noch lang!“ Ich sagte „Dann ist's lang Tag, dann sauf' ich erst recht!“ Darauf kam die erste Stimme wieder und mahnte „Kehr doch einmal um und werde ein anderer Mensch!“ Darüber bekam ich einen solchen Zorn, daß ich sagte „Weg damit! Ich will nichts wissen. Es ist lauter Schwindel. Es gibt keinen Gott und keinen Teufel.“ Mehr als dreimal ist der Geist Gottes so an mich herangetreten, und immer sind mir dabei Bibelsprüche und Liedverse, von der Schule her, eingefallen. Aber ein böser Geist schrie aus mir heraus „Es gibt keinen Gott und keinen Teufel, ich will nichts mehr wissen. So will ich leben, wie ich jetzt lebe, und so gefällt mir's!“

Eine Zeitlang hat es mir gefallen. Dann kam der Geist Gottes zum letzten Mal und sagte „Mit viel Liebe, Langmut und Geduld habe Ich dich getragen bis auf diesen Augenblick. Folge Mir nach!“ Aber auch da wollte ich nichts wissen; ich war dem Irrenhaus nahe. Der Teufel stand vor mir und sagte „So, jetzt kommst du in die Hölle!“ Ich bin hineinspaziert, wie wenn nichts wäre. Ich wußte auch nicht, was das ist, habe es aber dann erfahren. Es wurde Grabesnacht in mir, und ich wurde furchtbar gequält. Der Mordgeist hat mich gefangengenommen. Ich wäre zu allem fähig gewesen. Nur den einen Gedanken hatte ich noch „Wenn's keine Obrigkeit gäbe, würde ich stehlen und morden, fressen und saufen und alles treiben, was verboten ist!“ Ich war so verblendet, daß ich glaubte, ich sterbe gar nicht, ich sei selbst Gott. Wenn ich in den Spiegel schaute, bin ich zurückgefahren wegen meinen finsteren Augen.

Durch die Trunksucht kam ich immer tiefer ins Elend, und das Unglück hat mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Ich sollte mir das Leben nehmen. In meiner Betrunkenheit bin ich einmal im Stall umgefallen und kam mit dem Kopf zwischen die hinteren Füße eines Pferdes zu liegen. Wie leicht hätte ich da verunglücken können! Ein Tritt vom Pferd, unter dem ich gelegen habe, und ich wäre tot gewesen. Da haben mich die Stallknechte hervorgezogen und gescholten, weil ich so betrunken war. Zum Dank für ihre Hilfe bin ich mit der Mistgabel auf sie los, und sie sind zum Stall hinaus.

So habe ich einmal in Ludwigsburg ein Pferd gekauft. Ich bin im Rausch heimgeritten und kam gerade an Kornwestheim vorbei. Dort kehrte ich in einer Wirtschaft ein und zog mein Pferd am Zügel hinter mir nach. „O je, wer kommt denn da?“ rief die Wirtin. Ich sagte „Ich und mein Pferd!“ Ich schüttete einen Schoppen Bier hinunter und ritt im gestreckten Galopp weiter. Unterwegs an einem Steinhaufen bin ich abgestürzt und habe am Hinterkopf eine Wunde davongetragen, die man mir zunähen mußte. Noch jetzt habe ich die Narbe davon. Die Polizei hat mir wieder auf den Gaul hinaufgeholfen. Später habe ich im Geist mich selbst gesehen, wie ich auf der Straße zwischen Stuttgart und Ludwigsburg als Dämon auf dem Pferd ritt, und der Herr hat gesagt „Wenn du damals umgekommen wärst, so müßtest du reiten in alle Ewigkeit.“ Oft forderte mich der Teufel auf „Jetzt nimm den Strick und häng dich auf!“ Schon früher sollte ich mich in der Nagold ertränken; doch der Herr hat mich zurückgehalten. Ich sank nicht nur immer tiefer in die Trunksucht, sondern dadurch auch noch in allerlei andere Sünden. Ich mußte sündigen, denn „Wer Sünde tut, ist der Sünde Knecht!“ In meinem großen Unglück habe ich oft geweint und im Stillen geseufzt „Ach, wenn ich nur einen aufrichtigen Menschen hätte, der mir beistehen und den Weg zeigen würde!“ Bis jetzt hatte ich aber leider noch keinen gefunden. In den Wirtshäusern und auf den Tanzböden war ich unter lauter unwahren, verirrten und verblendeten Menschen. Von denen konnte mich ja keiner herausführen. Wenn ich nur Tanzmusik hörte, lüpfte es mir schon die Füße. Oft war ich dort der Erste und der Letzte. Sogar wünschte ich mir, daß ich die Musik einige Tage hören möchte. Und wirklich spielte es in meinem Kopf zwei Tage lang „Tittatra, Tittatra!“ bis ich sagte „Jetzt habe ich genug!“ Dann hörte es auf. – Als ich so unglücklich war, suchte ich immer etwas. So wurde damals in Stuttgart ein Panorama eröffnet. Eine Zeitlang bin ich alle Sonntagnachmittag dorthin gegangen und wollte mein Inneres befriedigen. Ich habe immer gesucht und fand doch keine Hilfe. Mein Freund und ich gingen einmal am Evangelischen Saal vorbei. Ich fragte ihn, was das wäre, und er gab mir zur Antwort „Dort reden sie geradeso wie in den Wirtshäusern auch!“ „Dann ist es gut“, sagte ich, „da bleibe ich, wo ich bin, das bin ich schon gewohnt!“ – Von Jugend auf wußte ich nichts anderes, als daß ich recht fressen und saufen müsse, um stark zu werden. Wenn ich wieder in eine schwere Sünde hineingefallen war, stand der Lehrer, bei dem ich einst erweckt worden war, im Geist vor mir mit aufgehobenem Finger und sagte „Das darfst du nicht tun!“ Aber ich mußte sündigen, weil ich ein Sklave des Teufels war.

Am 17. April 1881 verheiratete ich mich mit Karoline geb. Metzger von Ochsenburg, Oberamt Brackenheim. Für manchen ist es gut, daß er eine Frau bekam; ich aber blieb der alte Trunkenbold und war in meinem Hause ein Ärgernis. Da ich den Weg des Lebens nicht kannte, wollte ich doch wissen, wozu ich in der Welt bin. Ich wollte genießen, und so suchte ich mein Leben im Essen und im Trinken. Ich habe auch nicht warten können, bis es Samstag war und ich mein Geld ins Wirtshaus tragen konnte. Wenn ich den Zahltag (Wochenlohn) hatte, hopste das Geld schon in meinem Geldbeutel. Ich mußte schier springen, um dem Wirt mein Geld zu bringen, daß er privatisieren konnte. So war ich um alles gekommen; denn ein Trunkenbold will auch nicht gern arbeiten, nur noch saufen, Karten spielen und Kegel schieben. Ich habe geprahlt „Wenn ich einmal verheiratet bin, putze ich keine Stiefel mehr.“ Und wie ist es dann gekommen? Ich mußte erst recht Stiefel putzen, denn meine Frau hatte zuviel in ihrem Wasch- und Bügelgeschäft zu tun. Die Trunkenbolde machen eben ihre Witze und prahlen. Jeder will der Gescheiteste sein und immer recht haben. Ich habe oft gesungen „Freiheit, die ich meine, prächtiges Berlin, Stunden sein's dahin!“ Und ich war doch noch nie in Berlin. Sonntags sagte ich immer zu meiner Frau „Ich will wissen, wie man leben soll.“ Aber am Montag war der Geldbeutel leer. Das Wirtshauslaufen war mir oft eine Last. Ich wollte nicht hinein; denn je mehr ich trank, desto müder und matter wurde ich. Aber ich wurde förmlich dazu getrieben, ich mußte gehen, ob ich wollte oder nicht. Gern wäre ich oft viel früher vom Wirtshaus heimgekommen; abe es war mir, als wäre eine unsichtbare Kette um meine Füße gespannt. Ich kam einfach nicht los.

Meine Frau wurde über mein Leben sehr verbittert.. Wenn sie mir meiner Mutter, die bei uns wohnte, über mein Sündenleben schimpfte, ging ich erst recht fort. Manchmal blieb ich die ganze Nacht fort und kam morgens total betrunken nach Hause oder ins Geschäft. Damals arbeitete ich in der Etuis- und Ledermöbelfabrik von Bachmann. Oft machte ich „Blauen“. Es kam sogar vor, daß ich blutüberströmt auf der Straße lag; manchmal bin ich auch neben dem Bett niedergesunken oder schon vor dem Hause zusammengebrochen. So lag ich auch einmal auf der Straße, ganz betrunken. Die Leute schrien „Da hat einer einen Anfall; tapfer bringt Wasser her!“ Ein Schutzmann aber, der dabeistand, sagte „Ja, der hat einen rechten Rausch.“ Ich dachte „Du hast recht.“ – Wieder einmal kam ich nachts spät schwer betrunken heim und stürzte rücklings die Treppe hinunter, wobei ich Hals und Beine hätte brechen können. Ich blieb unten an der Treppe liegen, den Kopf nach unten und die Füße nach oben, bis später ein Kollege kam und mir half. Andern Tags sagte dieser zu mir, daß ich nicht mehr leben würde, wenn er mich nicht umgedreht hätte. Unbedingt wollte mich der Teufel umbringen.

Ich nahm mir auch einmal im angetrunkenen Zustand vor, mich über eine hohe Mauer hinunterzustürzen, und sagte mir „Das Leben hat doch keinen Wert!“ Ich führte mein Vorhaben auch wirklich hinter meiner Wohnung in der Schlosserstraße aus und stürzte mich kopfüber hinab; denn ich wollte den Schädel auseinander haben. Aber Gott wollte es anders. Zwei unsichtbare Hände packten mich hüben und drüben an den Achseln und drehten mich herum. Ich kam nicht, wie ich gerechnet hatte, auf den Kopf; denn das wäre mein Tod gewesen. Vielmehr wurde ich fest und hart auf beide Füße gestellt, daß ich für einen Augenblick das Bewußtsein verloren habe und nachher mir noch die Zähne klapperten. Auf einmal schoß das Blut wieder durch den ganzen Körper, und ich bekam das Bewußtsein wieder. Wie ich wieder zu mir gekommen bin, habe ich zum Himmel aufgeschaut und gesagt „Was ist denn das? Ich bin ja unversehrt. So, jetzt weiß ich, wo ich daran bin; jetzt ist es fertig mit dir, du Teufel (Selbstmord).“ Mehr als zwanzigmal war ich in Lebensgefahr gewesen durch mein leichtsinniges Leben in meiner Betrunkenheit; doch der treue Gott hat mich in Seiner Langmut bewahrt. Es war mir aber alles eins.

In einem andern Fall wurde ich auch wunderbar beschützt. Ich habe etwas vor der Stadt draußen gewohnt. Und als ich einmal nachts spät auf der Straße gelaufen bin, habe ich zwei Männer auf mich zukommen sehen. Plötzlich fuhr „Etwas“ in mich hinein, und eine Stimme sagte mir „Diese zwei, die da kommen, die überfallen dich.“ Sie haben mich angesprochen und wollten mich vor die Stadt hinausbegleiten. Scheint's wußten sie, daß ich noch einen weiten Weg hatte. In mir war aber ein Mut und ich sagte ihnen „Wenn ihr nicht im Augenblick macht, daß ihr fortkommt, werdet ihr sehen, was es gibt.“ Beide spöttelten, und einer lachte mir ganz teuflisch ins Gesicht „Ha no, so gefährlich wird's grad nicht werden!“ Kaum hatte er es ausgesagt, so hatte ich ihn schon so auf den Boden geworfen, daß er die Füße in die Höhe streckte. Ich wollte auch nach dem andern langen, da war er nicht mehr da. Bis an die Straßenecke bin ich gelaufen und habe geschrien „Her mußt du!“, fand ihn aber nicht mehr. Ich dachte „Ist denn das kein Mensch gewesen?“ Dann wollte ich wieder nach dem ersten sehen, was er macht, ob er auch noch lebt. Ich durfte es aber nicht tun. Das „Etwas“ hat mich verlassen, und es kam Furcht und Schrecken über mich. Eine Höllenmacht überfiel mich jetzt. Da hab' ich gemacht, daß ich heimgekommen bin. Erst später wurde mir klar, daß das „Etwas“ der Geist Gottes war. Der Herr sagte mir dann „Wenn Ich dort nicht für dich gestritten hätte, wäre es mir dir dein Letztes gewesen.“

Aber all diese Erlebnisse nahm ich nicht als Warnung an. Ich wurde immer unglücklicher und seufzte oft „O der Wurm, der nicht stirbt, und das Feuer, das nicht verlöscht! Geht es denn in alle Ewigkeit so fort?“ Ich habe dazumal oft gesagt „Wenn ich nur nie geboren wäre!“ In die Kirche ging ich auch nicht mehr und war dazu noch ein furchtbarer Flucher, Lästerer, Gottesleugner und Spötter. Besonders spottete ich, wenn ich an einem Kruzifix vorbeiging. Ein Katholik hörte mir dabei einmal zu und sagte „Gott strafe dich!“ Darüber bin ich dann doch sehr erschrocken. Aber wie ist's, wenn einen der Teufel im Bann hat, da wird alles Gute unterdrückt. Über die Frommen habe ich losgezogen; sie waren in meinen Augen alle nichts, bloß ich war etwas, nämlich ein rechter Lump.

An einem Karfreitag wollte meine Frau und meine Mutter haben, daß ich in die Kirche gehe. Ich sollte in die Leonhardskirche; sie haben mich dazu gezwungen. Lange drückte ich mich herum, ging mit ihnen, aber nicht in die uns nächstliegende Kirche, sondern in die Stiftskirche. Ich ging so langsam, daß meine Frau sagte „Das tust du absichtlich, daß wir zu spät kommen sollen.“ So war es auch. Als wir hinkamen, hatte der Gottesdienst schon längst angefangen. Am Eingang der Kirche standen Leute, die so finster aussahen wie ich und mich anschauten. Das ärgerte mich. Ich bekam einen furchtbaren Zorn und sagte zu meiner Frau „Komm, wir gehen in die 'Sonne', dort trinken wir ein Glas Bier und essen Laugenbrezeln; das ist gescheiter.“ Meine Frau war gleich mit mir einig und ist fest gelaufen. Da habe ich gesehen, daß auch bei ihr das Kirchengehen nur Form war. Als wir wieder nach Hause kamen, sagte ich „Ist es jetzt nicht besser gewesen, wir waren im Wirtshaus, anstatt in der Kirche, wo man uns so angeschaut hat?“

Trotzdem ich damals von der Kirche noch nichts wissen wollte, eiferte ich doch einmal unbewußt für die Sache. Ich sah von weitem, wie die zwei Komiker Franzl und Seppl eine schwarzgekleidete Frau von hintenher ausmachten (verspotteten). Diese Frau ging andächtig zur Kirche. Hätten sie dieselbe angetastet, so wäre ich schon darauf gefaßt gewesen, die beiden zu Boden zu schlagen. Es war von mir ein falscher Eifer. Ich wäre ja nur dadurch der Obrigkeit in die Hände gefallen.

Ein andermal sagte meine Frau „Wir müssen auch mal wieder zum Abendmahl gehen.“ Und als wir hingingen, bekamen wir unterwegs miteinander Streit. Dann sagte ich „Ich pfeife auf das Abendmahl“ und wollte absolut wieder umkehren. Jetzt hat aber meine Frau gerufen „Wir sind eingeschrieben, wir sind eingeschrieben, wir müssen gehen!“ Nun ging ich mit; und als ich an den Altar kam, verbeugte ich mich, wie die andern. Wie mir aber der Kelch gereicht worden ist, hätte ich ihn am liebsten ganz ausgetrunken. – Schon vor meiner Verheiratung war ich auch einmal beim Abendmahl. Nachher ging ich gleich in eine Wirtschaft und sagte „Jetzt kann ich von neuem wieder sündigen.“ Einige Stunden später lag ich total betrunken auf dem Boden. Ich war ein wirklicher Trunkenbold und trachtete nur nach Alkohol, namentlich nach Branntwein. Wenn ich nur im Delirium war, so hatte es mir gefallen. Ich sagte „Lieber sterbe ich, als daß ich einen Tropfen Wasser trinke.“ Wie viele hab' ich verführt ins Wirtshaus! Ich bin aber trotz allem den Wirten gegenüber immer ehrlich gewesen. Ich hätte mögen keinen nur um einen Pfennig betrügen. Als mir einmal eine Kellnerin, der ich 10 Mark gegeben hatte, dafür auf 20 Mark herausgab, sagte ich ihr gleich „Hören Sie, ich habe Ihnen nur 10 Mark gegeben, und Sie haben mir auf 20 Mark herausgegeben. Da haben Sie Ihr Geld wieder.“ Die Kellnerin war damals froh und hat sich sehr bedankt. Ich bezahlte auch gern den andern einen Schoppen, und wenn ich kein Geld mehr hatte, ließ ich es aufschreiben und bezahlte später dem Wirt die Zeche. Die Trunkenbolde haben oft zu mir gesagt „Du bist halt ehrlich.“

Mit der Zeit wurde ich immer elender. Ich fing an in meinem Elend zu weinen und habe zuletzt so geweint, daß sogar meine Frau mich bedauerte. Aber ich fand keinen Menschen, der mir geholfen hätte. Im Gegenteil. Sie lachten mich nur recht aus, wenn ich so betrunken war. Sogar hat jemand zu mir gesagt „Du Lump, du stirbst einmal keinen rechten Tod!“

Der Teufel wollte mich so weit bringen, daß ich meinen Hausbesitzer und seine Familie umbringen sollte. Er sagte mir, ich solle ein Beil nehmen, die Leute totschlagen, ihr Geld an mich nehmen und ins Wirtshaus bringen. Ich stand schon vor der Tür. Da habe ich mich gefragt „Und was wird's nachher, wenn ich die Familie umgebracht habe?“ Gleich sagte mir eine Stimme „Dann kommst du aufs Schafott“! Darüber bin ich furchtbar erschrocken und sagte „Ich kann keinen Menschen umbringen.“

So habe ich mir vorgenommen, ein anständiges Leben anzufangen, und bin deswegen einmal an einem Sonntag daheimgeblieben. Wie haben sich da meine Kinder gefreut, daß ich mit ihnen spielte! Ich setzte mich zu ihnen hin und spielte Kugeles. Es wurde mir aber bald langweilig dabei, und ich sagte zu meiner Frau „Singe du ein Lied, und ich pfeife dazu!“ Meine Frau sang ein Gesangbuchlied. Da kam eine Verwandte von mir. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte „Wie ist doch hier ein Friede! Das ist aber schön, daß du daheim bist! Was macht ihr denn, seid ihr fromm geworden?“ Ich sagte „Ha, meine Frau singt dies Lied, und ich blas birkende Rinde (Birkenrinde zwischen den Lippen) dazu.“ Am andern Morgen hielt ich mir eine Lobrede „So hast es recht gemacht; jetzt warst du ein braver Mann!“ Auf einmal hörte ich eine Stimme „Deine Sache ist gar nichts!“ Da bin ich wieder ganz unglücklich geworden.

Wieder an einem Sonntag stöberte ich auf dem Speicher nach Büchern herum und fand den Räuberhauptmann Rinaldini. Und wie ich das Buch gelesen habe, ist eine große Finsternismacht über mich gekommen. Nachher bin ich an eine Bibel geraten und habe darin geblättert. Da wurde es ganz hell um mich her. Von der Bibel habe ich damals allerdings noch nichts verstanden.

An einem Sonntagmittag bin ich einmal nach Degerloch gegangen, um meinen Geburtstag zu feiern. Meine Frau ist mir zweimal nachgelaufen und hat mich gebeten, ich solle doch mit heimkommen, ich würde mich sonst nur wieder betrinken. Ich versprach ihr „Nein, ich kehre in Degerloch nicht ein, ich komme bald zurück.“ Da sah ich aber auf dem Rückweg am Abhang drunten ein Wirtshaus liegen. Es gab einen mächtigen Kampf und – eine schwere Niederlage. Eine Stimme rief mir zu, so daß es mir durch Mark und Bein gefahren ist „Geh heim!“ Und durch meinen ganzen Körper fuhr ein Schmerz, als wollte es mich zerreißen. Dennoch sagte ich „Ich will nur einige Glas Bier trinken; dann gehe ich heim.“ Ich ging hinab in den Saal, von dem die eine Hälfte Tanzsaal war. Dort sah ich eine Frauensperson tanzen, welcher der Zopf lang herabgehangen hat. In ihn habe ich den leibhaftigen Teufel tanzen sehen. Das hat mich so erschreckt, daß ich nicht auf den Tanzboden gehen konnte. Aber in der Wirtschaft habe ich dafür einen Landsmann, einen „guten Freund“, getroffen, der mich in die Stadt mitnahm. Dort blieben wir die ganze Nacht in einer Wirtschaft, bis ich total betrunken war. Und so kam ich ins Geschäft, daß mich der Fabrikant heimschicken mußte.

Wie alle Trinker war ich damals furchtbar grob und ein rechter Flucher. Ich habe in den Wirtschaften alle Heiligen vom Himmel heruntergeflucht und habe nicht einmal gewußt, daß Fluchen eine Sünde ist. (Später hat dieser Fluchteufel außer mir, um mich herum, arg geflucht. Er wollte mir Angst machen, aber ich habe nichts mehr von ihm angenommen.) Von der Stunde an, in der ich dem Herrn so ungehorsam gewesen war, wurde ich dem Teufel ganz und gar übergeben. Ich zitterte Tag und Nacht am ganzen Leibe und wurde voll Todesangst; denn ich fürchtete jeden Augenblick, ich würde in Stücke gerissen.

An einem schönen Sonntagmittag stand ich auf der Straße und schaute empor zum blauen Himmel. Ich war tief unglücklich und sehnte mich nach etwas. Wonach, habe ich selbst nicht gewußt. Es ist wohl so gewesen, wie es in Psalm 63 heißt „Meine Seele dürstet nach Dir! Mein Fleisch verlangt nach Dir in einem trockenen und dürren Lande, da kein Wasser ist.“ Nachher mußte ich wieder ins Wirtshaus. Und einige Stunden später bin ich wieder betrunken auf der Straße gelegen. Ich war leibhaftig im Kerker der Finsternis und in dem Schatten des Todes.

Einmal bin ich auf den Gottesacker gegangen und habe etwas gesucht. Aber ich wußte nicht, was. Es war gerade eine Beerdigung gewesen. Da sah ich ein offenes Grab und habe gedacht „Da gehe ich hin, vielleicht finde ich dort, was ich suche.“ Da lag ein Sarg drunten. Ich bin erschrocken und habe gesagt „Nein, das suche ich nicht.“ Dann bin ich weitergegangen und bin vor einem steinernen Bild stehengeblieben. Der Heiland war in Le bensgröße ausgehauen mit einem Schäflein auf dem Arm. Ich stand davor und weinte bitterlich. Die Herren, die dort standen, haben mich nur angesehen, aber keiner redete ein Wort mit mir. Nachher sagte ich zu meiner Frau „Wenn mich nur ein frommer Mann besuchen würde, dann würde es mit mir anders!“

Tag und Nacht habe ich keine Ruhe gehabt und war schon hier in der Hölle. Und darin habe ich schreien gelernt. In dieser Zeit hat mir der Herr in einem Gesicht meinen Ungehorsam und meine Undankbarkeit gezeigt. Ich habe eine Tür gesehen und dahinter eine Kellertreppe, auf der ich ein Stufe tiefer hinunterstieg, sooft ich gegen die Stimme des Herrn ungehorsam gewesen war. Auf einmal war ich in einem tiefen Keller oder Kerker, in welchen kein Lichtstrählchen eindringen konnte – ein feuchtes, kaltes Gefängnis! Es war Grabesnacht. Da erwachte in meinem Herzen das Verlangen nach einem kleinen Lichtstrahl. Ich habe von Herzensgrund geschrien „Nur noch ein Lichtstrählchen, nur noch ein Lichtstrählchen!“ – Aber der Herr hat sich meiner erbarmt. Er klopfte bei uns an und ließ ein Unglück nach dem andern über uns kommen. Meine Frau wurde krank. Sie mußte im Spital operiert werden und war dem Tode nahe. Darüber bekam ich einen gewaltigen Zorn. Ich fluchte schrecklich und sagte „Wenn's einen Gott gäbe, würde Er so etwas nicht zulassen!“ In meinem Zorn habe ich dann wieder „Blauen“ gemacht und alles vertrunken. Meine Frau ist wieder gesund geworden.

Und jetzt erkrankte unser fünfeinhalbjähriges Töchterlein Mina an Diphtherie. Vor seiner Krankheit hat es einmal eine Rute geschenkt bekommen. „Großmama, gib mir Schläge“, bat es. Die Großmama sagte „Das tut aber weh.“ Das Kind bat wieder „Großmama, gib mir doch Schläge!“ Daraufhin hat es die Großmama getan. Aber schon beim ersten Schlag auf den bloßen Leib hat das Kind laut aufgeschrien. Und weil die Großmutter weitergeschlagen hat, hat das Kind so arg geschrien, daß es mich ganz dauerte. Schon wollte ich sagen, die Großmutter solle aufhören; da hörte sie von selber auf. Von da an wollte es von der Rute nichts mehr wissen. Man hat sie ihm nur zu zeigen brauchen, so ist es gesprungen, soweit es gesehen hat. Es ging auch in die Kinderschule. Und dort hat es schöne Lieder gelernt. Ich sagte mir „Das Kind hat etwas, das ich nicht habe.“ Mit lieblicher Stimme hat es viel gesungen, und dabei ist es von einem Zimmer ins andere gegangen „Taradies, Taradies! Wie ist deine Frucht so süß!“ (Das Kind konnte das Wort Paradies noch nicht aussprechen.) Das hat auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Ich mußte denken „Was hat aber nur auch das Kind? Das hat etwas, was ich nicht habe!“ – Eines Tages kam ich vom Geschäft heim. Da lief das Kind auf mich zu und sagte „Papa, darf ich auf deinen Schoß sitzen?“ Es hat sich sehr gefreut, als ich es auf meinen Schoß genommen habe. Noch in derselben Nacht ist das Kind an Diphtherie erkrankt. Und nach neun Tagen war es eine Leiche. In der letzten Nacht um drei Uhr hörte ich eine gewaltige Stimme „Steh auf, dein Kind stirbt!“ Ich stand auf, ging in sein Zimmer hinein und kam gerade dazu, wie es die letzten Schnaufer getan hat. Das war ein furchtbarer Schmerz für mich. Das liebe Kind ist mir ein Magnet gewesen fürs Himmelreich.

Aber der Herr hat weiter mit mir geredet. Bald darauf mußte meine Frau zum zweitenmal ins Spital und operiert werden. Ehe sie dorthin gegangen ist, hat sie mir ihre Sterbestrümpfe gezeigt und gesagt „Wenn ich gestorben bin, zieht mir die Strümpfe an!“ Mir aber hat eine Stimme gesagt „Deine Frau stirbt nicht!“ Das sagte ich dann auch ihr. Und als meine Frau im Spital war, habe ich einmal zu mir gesagt „Bei dir stimmt's nicht; du bist nicht auf dem rechten Weg.“ Und daraufhin bin ich während der ganzen Spitalzeit meiner Frau nicht ins Wirtshaus gegangen. Mein ältestes Töchterlein konnte zu ihr, als sie vom Krankenhaus heimkam, sagen „Der Vater war so lieb; er ist die ganze Zeit nicht ein Mal ins Wirtshaus gegangen.“ Ich freute mich recht, daß meine Frau wieder gesund war. Aber von der Trunksucht war ich immer noch nicht frei. Ich verlor sogar meine Arbeitsstelle, weil ich so oft noch betrunken gewesen bin.

Nun ist der Herr auch an mich selbst gekommen, und zwar mit Krankheit. Ich habe Flechten, offene Füße und ein Nierenleiden bekommen. Wegen dieser Leiden ging ich zu einem Professor; der sagte mir, es gebe kein Mittel, womit man mir helfen könne. Ich habe vieles probiert und angefangen, aber nichts hat mir Hilfe gebracht.

Da auf einmal zeigte mir der Herr den breiten und den schmalen Weg und sagte zu mir „Wenn du so weiterlebst, gehst du ewig verloren.“ Darüber bin ich sehr erschrocken und habe gedacht „Es muß doch nicht ganz mit mir in Ordnung sein.“ Da traf ich einen andern Trinker. Dieser sagte zu mir „Du, in acht Tagen kann man zu deiner Leiche gehen!“ Ich habe nämlich sehr elend ausgesehen. Vor Schrecken habe ich ihm auf diese Worte keine antwort geben können. In meinem Herzen war Grabesnacht und im Stillen habe ich ausgerufen „Und wohin dann? Ich habe keine Heimat!“

Da kam mir ein Kneipp-Kalender in die Hände. In dem stand, wie man ein geordnetes Leben führen soll, und das Wort „Fressen und Saufen ist eine große Sünde.“ Die paar Worte haben mich so getroffen, daß ich zusammengebrochen bin. Dann ist mir ein Licht aufgegangen. Alle die Flüche, die ich einst ausgestoßen habe, sind auf mich herabgekommen. Da wurde mir so angst. Ich bin durchgerichtet und überführt worden. Ich konnte nicht mehr widerstehen und habe mich dem Herrn übergeben müssen. Ich bin von meinem Stuhl aufgestanden und habe gerufen „Ach Herr, was habe ich getan! So lang habe ich in Sünden gelebt! Ach, Herr, ist es möglich, kannst du mir meine Sünden vergeben? Sei doch so gut und vergib mir meine Sünden.“ Weiter konnte ich nicht beten. Ich habe bitterlich geweint. Da sah ich auf dem Boden zu meinem Schrecken zwei große offene Koffer stehen die waren eben voll mit meinen Schuldscheinen, schön fein zusammengelegt, mit schwarzem und gelben Papierstreifen umwickelt. Da habe ich gewußt, daß es einen lebendigen Gott gibt, aber auch einen lebendigen Teufel, der einen umbringen würde, wenn er dürfte.

In dieser Zeit ist in der Nähe von unserer Wohnung eine Wirtschaft eröffnet worden. Mein Prinzipal sagte „Nun haben Sie nicht mehr weit ins Wirtshaus.“ Ich sagte „Da komm ich nicht hinein.“ Noch ehe es eröffnet worden ist, bin ich im Geist mitten in diese Wirtschaft hineingestellt worden. Direkt neben mir stand ein weißgekleideter Mann. Die Wirtschaft war gesteckt voll mit Menschen, die haben alle meine mir bekannten Wirtschaftslieder gesungen. Der Mann, der neben mir stand, sagte zu mir “Diese heulen alle in der Hölle.“ Das hat mich sehr erschreckt. Ich wurde dann wieder hinweggenommen. Es war eine ernste Ermahnung, daß ich nicht mehr ins Wirtshaus gehen sollte. Der weiße Mann war der Engel des Herrn. Ich wurde auch sofort von der Trunksucht frei. Wie nachher die Wirtschaft eröffnet war, sah ich einmal durch das offene Fenster hinein. Und da haben die Tische genau so gestanden, wie sie mir der Herr im Gesicht vor der Eröffnung gezeigt hatte. Der Herr hat mich wunderbar weitergeführt. Einmal durfte ich das Himmelreich sehen mit seiner unbeschreiblichen Herrlichkeit. Trotzdem war ich noch so unglücklich über mein bisheriges Leben und ich griff wieder zur Bibel. Täglich habe ich darin gelesen und mußte oft bitterlich weinen. Ich konnte sie noch nicht verstehen. Da kam einmal meine Frau dazu und sagte „Hör, mach's nur nicht gar so arg!“ Aber ich ließ mich nicht davon abbringen. Als sie sah, daß ich Ernst machte, sagte sie „Wir glauben nicht, daß du nicht mehr ins Wirtshaus gehst.“ Ich erwiderte „Ich kann nicht anders; ich gehe nicht mehr.“ Meine Frau wollte mich halt zu einem anständigen Leben bekehren, zum Kirchengehen am Sonntagvormittag, zum Wirtshausbesuch am Nachmittag. Ich aber sagte mir „Wenn ich einmal weiß, was das Rechte ist, dann will ich auch das Leben dafür lassen!“ Nun suchte ich bei den Sozialdemokraten mit aufrichtigem Herzen das Gute. Aber ich fand es nicht. Ich bin an einem Sonntag mit dem sozialdemokratischen Verein ausmarschiert, die Musik voran. In Hohenheim sind sie alle auseinandergegangen. Ich dachte „Mein Lebtag geh' ich nicht mehr mit; das hat doch keinen Wert!“

Als ich eines Morgens in Stuttgart durch die Weißenburgstraße auf die Arbeit ging, hat mir eine Stimme vom Himmel herabgerufen „Aus dir muß ein ganz anderer Mensch werden.“ Das hat mich durchströmt von oben bis unten durch. Das war mir „süßer denn Honig und Honigseim“. Vorher bin ich immer so tief unglücklich gewesen, und jetzt habe ich mich so recht freuen dürfen. In dieser großen Freude habe ich gesagt „Wie gern möchte ich es! Aber wie soll ich es machen? Ich habe niemand. Ist's möglich, kann ich ein andrer Mensch werden?“

Da bin ich einmal mit meinem leiblichen Bruder an einem Sonntagmittag spazierengegangen. Der war auch ein Trinker. Wie wir über den Wilhelmsplatz gelaufen sind, hat eine Stimme vom Himmel gerufen „Das hast du getan!“ Da sind mir die Tränen gekommen, als ich zum Himmel aufschaute. Zum zweitenmal hat dann die Stimme gerufen „Und das hast du getan!“ und zum drittenmal „Und das hast du auch getan!“ Das Wörtlein „auch“ drang wie ein Schwertstich durch meine Seele. Ich bin an alles erinnert worden, was ich schon Unrechtes getan habe.

Als ich einmal wieder an einem Sonntagmittag auf der Straße ging, habe ich vor mich hingesagt „Mit meinen Saufbrüdern gehe ich nie und nimmermehr; da ist es fertig! Meine Sünden sind mir so furchtbar schwer geworden, daß ich an Leib und Seele krank wurde. Bisher hatte ich nicht glauben können, daß Jesus lebt. Das war mir schrecklich. Da hat der Herr sich zu mir herabgelassen und mir zugerufen „Unser Heiland lebt!“ Ich wurde mit Freude überströmt, die ich gar nicht aussprechen kann „Jetzt weiß ich ganz gewiß, daß mein Heiland lebt!“ Da ist mir der Glaubensboden gelegt worden. Ich ging heim und sagte zu meiner Frau und zu meiner Mutter „Jetzt habe ich, was ich immer gesucht habe!“ Sie aber lachten und glaubten es mir nicht.

In dieser Zeit zeigte mir der Herr in meinem wachenden Zustand in einem Gesicht ein wunderbares Erntefeld. Um das ging im Viereck ein Weg herum. Die Ähren waren schön ausgewachsen. Ähre an Ähre, ein unübersehbares Feld. Die vollen Ähren neigten sich am tiefsten. In der Mitte des Feldes stand ein schönes, großes Haus. Ich ging darauf zu und wollte eintreten. Aber ich durfte nicht und wurde sofort wieder hinweggenommen. Über der ganzen Landschaft lag ein herrlicher Sonnenschein, ganz anders als ein irdischer Sonnenschein. Der hat mein ganzes Wesen durchflutet und mich mit unbeschreiblichem Wohlsein erfüllt. Erst später, als ich meinem Heiland ganz nachfolgte, wurde mir klar, was der Herr mit dem Gesicht sagen wollte. Das Ährenfeld bedeutet die Seelen, die ich für meinen Heiland gewinnen darf. Das Haus im Ährenfeld ist die heutige Rettungsarche. (Am 24. Dezember 1910 durfte ich dies Haus im Ährenfeld wieder sehen, wie ich gerade mit jemand betete, der Frieden bekommen hat. Dabei wurde mir gesagt „Das ist das Haus, das du dazumal gesehen hast.“) Der Kampf ging jedoch immer noch weiter; denn die Mächte der Finsternis wollten mich mit aller Gewalt wieder von dem neuen Weg abbringen.

An einem Sonntagmittag kamen zwei Verwandte und besuchten mich. Ich habe sie gefragt „Wo kommt ihr her?“ Sie sagten „Vom evangelischen Saal.“ – „Ja, was macht ihr denn dort?“ – „Dort wird das Wort Gottes ausgelegt.“ „Was“, sagte ich, „gibt's denn am Sonntagnachmittag auch Versammlungen?“ – „Jawohl“, sagten sie. Ich habe mich sehr darüber gewundert und sagte „Das ist aber geschickt, daß man am Sonntagnachmittag in die Versammlung gehen kann!“ Von da an hatte ich keine Ruhe mehr. Nun wollte ich auch einmal hingehen. Aber meine Frau sollte auch mitgehen. Deshalb sagte ich zu ihr „Mir zerreißt es fast meine Brust; ich muß in die Versammlung gehen; ich habe gar keinen Menschen, der mit mir hingeht.“ Und alleine getraue ich mich nicht, denn der Teufel schrie über mich hinein „Du darfst nicht in den evangelischen Saal, dort sind die Allerärgsten!“ Dem habe ich geglaubt und dachte „Meine Frau muß mit, daß sie schreien kann, wenn es losgeht.“ Sie sagte „Ich gehe mit.“ Ganz zerschlagen und unglücklich ging ich in die Versammlung. Ich war so gefaßt, daß, wenn ich in den Saal hineintrete und jemand mich anpacken will, ich ihn in den Erzgrundboden hineinschlage; denn ich wußte ja nicht, was fromme Leute sind, und meinte, hier gehe es auch so zu wie im Wirtshaus. Draußen vor der Saaltür sah ich einen Diener stehen. Ich sagte zu meiner Frau: „Der weiß ganz gewiß, wo die Versammlung ist.“ Ich dachte aber „Wie wird es da zugehen, wenn ich zu der Tür hineinkomme?“ Ich fragte jetzt den Diener, wo die Versammlung sei. Er sagte mir so lieb „Grad da zur Tür hinein! Rechts sitzen die Herren und links die Frauen! Sie werden's dann schon sehen.“ Und diese Liebe des Dieners hat mich so getroffen, daß ich mir sagen mußte „Das ist aber ganz anders, als ich mir es vorgestellt habe; das ist aber ein lieber Mann!“ Ich ging vorsichtig in den Saal; aber die Brüder sind ruhig sitzengeblieben. Als ich im Saal drinnen war, sah ich einen Bruder (Klenk) und andre Brüder sich freundlich mit der Hand grüßen. Ich stand da in meiner großen Not und sah, wie er all die Leute so lieb grüßte. Da sagte der Teufel „Ja, da sieht's ja 'gut' aus!“ Ich antwortete ihm „Von dir weiß ich nichts andres von Jugend auf, als daß du mich ins Unglück gestürzt hast! Du kannst hingehen, wo du willst! Ich habe gefunden, was ich gesucht habe.“ Darauf schrie der Arge in mir „Hier halt ich's nicht mehr aus!“ und gab mir so einen Stoß, daß ich schier hingeflogen bin, weil er mich nicht unter dem Wort Gottes haben wollte. Aber innerlich habe ich geschrien „Ich will frei werden, ich will frei werden!“ Ich durfte mich als armen Sünder erkennen und setzte mich auf eine Bank. Auf derselben saß schon ein Mann. Wie er mich sah, rückte er schnell hinunter; er muß sich vor meinem finsteren Blick gefürchtet haben. Die Leute sangen ein schönes Lied. Da legte sich eine liebe unsichtbare Hand auf mein Haupt, und ich durfte die Nähe des Heilands erfahren, noch ehe das Gebet gesprochen wurde. Dann hörte ich das Wort, und alles war ganz speziell für mich. Ich habe das Wort geradezu geschluckt und kann es heute noch fühlen, wie es auf den Glaubensboden fiel, tief ins Herz hinein. – All dies hat mir wieder einmal gezeigt, wie der Teufel, der Erzlügner, mir den Weg zum Heiland versperren wollte.

Sooft ich nach Hause kam, war mein Zimmer voll von bösen Geistern. Ich sah Angesichter der Hölle, besonders in der Woche, in welcher ich die Versammlung besucht hatte. Als ich einmal wieder in meinem Zimmer in der Ecke stand, wo ich gewöhnlich betete, wurde mir ein größeres Papier vor die Augen gehalten; meine Schulden standen darauf. Ich wußte sofort, was das für sünden waren. Damit wollte mich der Teufel so erschrecken, daß ich vom Verstand kommen sollte. Als ich die Schrift auf dem Papier sah, hob ich mein Haupt empor und schrie zu Gott „Ach, Herr, ist's möglich? Kannst du mir meine Sünden vergeben? Sei so gut und vergib mir meine Sünden!“ Es kam eine ganze Höllenmacht über mich . Die Geister schrien furchtbar über mich herein, aber ich hörte nicht darauf. Das war mein Sieg. Dann durften mich meine Sünden, die mir der Teufel vorhielt, nicht mehr verzagt und mutlos machen. Ich wußte ja jetzt, daß mein Heiland lebt, und habe mich fest an Ihn geklammert. Trotzdem war jeden Abend , wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, die Macht der Finsternis so stark in meiner Wohnung, daß ich oft rief „O da ist es wieder voll von unreinen Geistern!“ Meine Frau und meine Mutter bekamen immer eine Todesangst, wenn ich so redete. Und sie machten miteinander aus, daß man mich ins Irrenhaus tun müßte. Aber mir fehlte nur der Friede mit Gott, und zwar der volle Friede mit Gott, den ich so gern gehabt hätte.

Der Samstag dieser Woche kam. Diese Nacht war die schrecklichste meines ganzen Lebens. Als ich ins Bett ging, hatte ich eine solche Angst, daß ich am ganzen Leib zitterte. Ich wußte, daß mich der Teufel gern umbringen möchte. Vor Schmerzen schrie ich, weil mich der Teufel schlug „Ach, Herr, lindere doch meine Schmerzen! Ich will dir von jetzt an treulich dienen!“ Auf einmal lag ich ganz steif in meinem Bett, und mein Herz wurde von einem feurigen Pfeil des Teufels übel zugerichtet. Eine Todesangst kam über mich und ich fürchtete, ich ginge am Ende doch noch verloren. Da schrie der Teufel „Dein Beten hat gar keinen Wert! Du kommst nicht in den Himmel!“ Meine Angst wurde so groß, daß mir schier der Atem ausging. In meiner Brust ging ein gewaltiger Kampf vor sich. Ich meinte gerade, ich würde in Stücke zerrissen. Das war der Entscheidungskampf, aber Jesus blieb Sieger. Ich wurde frei. Eine feine, liebliche Stimme sagte mir „Sei nur zufrieden, du brauchst keine Angst zu haben.“ Dabei strich eine Hand sanft über mein verwundetes Herz hin. Das tat mir so wohl. Die Wunde von dem feurigen Pfeil wurde wieder geheilt, und ein tiefer Friede zog in mein Herz hinein. Ich durfte mich so arg freuen und nachher noch einige Stunden gut schlafen. Mit einer großen Freude im Herzen bin ich eingeschlafen und geradeso wieder aufgewacht. Es war nun Sonntagmorgen. Früher habe ich beim Aufstehen und Kaffeetrinken viel geflucht. Jetzt sagte ich zu meiner Frau: „Komm, wir wollen einmal anfangen, die Bibel zu lesen!“ Denn auch meine Frau und meine Mutter hatten bisher nichts von Gottes Wort wissen wollen. Als ich nun mit großer Freudigkeit die Bibel aufschlug, um zu lesen, fiel es mir auf einmal wie Schuppen von den Augen. Die Buchstaben waren nicht mehr tot; das Wort Gottes wurde mir ganz neu und lebendig. Ich sagte zu meiner Frau: „Mir fallen Schuppen von den Augen, und ich sehe doch nichts. Siehst du auch nichts?“ „Nein, ich sehe nichts“, sagte sie, stand auf, ging in die Küche und sagte zu meiner Mutter: „Jetzt ist es höchste Zeit, daß man den Mann ins Irrenhaus tut. Hör nur, was der für dumme Sachen schwätzt!“ Ich aber stand auf, streckte vor lauter Jubel und Freude beide Arme in die Höhe und lobte und dankte dem Herrn. Plötzlich hatte ich mitten in meinem Jubel ein Gesicht. Ein Mann aus Möttlingen, ein Trinker, stand vor mir. Ich sah ihn an. Dann verschwand er. Wieder ein andrer Trinker aus Möttlingen erschien, und der Herr sagte zu mir: „Diese leben in Möttlingen gerade so, wie du gelebt hast.“ Dies Gesicht mußte mich an Möttlingen und das traurige Leben, das dort eingerissen war, erinnern, weil ich von Möttlingen nichts mehr wissen wollte. In meinem Jubel und in meiner Freude hätte ich alle Menschen umarmen mögen und machte ein Gelübde, nach Möttlingen zu gehen. Nie mehr werde ich es vergessen, wie ich dagestanden bin und habe mich freuen dürfen, daß ich Frieden habe und daß mir ganz bestimmt meine Sünden vergeben sind. Damals wußte ich nicht, daß die Engel im Himmel sich mitfreuen, noch weniger, daß ich bekehrt war. Das hat man mir erst später gesagt. Merkwürdig! Kurze Zeit zuvor war meine Mutter über den Wilhelmsplatz gelaufen und hatte so zum Herrn geschrien: „Sei doch so gut und rette meinen Sohn!“ Und eine Stimme sagte ihr: „Dein Sohn wird gerettet.“ – Auch sagte eine gewaltige Stimme zu mir: „Und vergiß nicht, welch große Wohltat Ich an dir getan habe!“ Ich durfte mich wieder mächtig freuen. Mein ganzes Sündenregister ließ der Herr an meinem geistigen Auge vorüberziehen. Da habe ich ausgerufen: „Herr, ist's möglich, daß du mir meine Sünden vergeben hast? – Ich bin eben doch Dein Gnadenkind!“

Gleich am Anfang meiner Bekehrung, als ich sonntags in einer Versammlung war, kam der Teufel an mein rechtes Ohr und sagte: „Wer weiß, ob's wahr ist!“ Dann bin ich gegen ihn herumgefahren und sagte ganz energisch: „Unser Heiland lebt!“ (Das gab mir der Herr in den Mund.) Von da an ließ er mich mit den Zweifeln in Ruhe. Ach wie ist mir der Herr doch so gnädig gewesen! Er hat mich Gnade finden lassen durch tiefe Buße; aber ich habe geglaubt und immerfort geglaubt, und das war mein Sieg.

Meine Bekehrung machte mir eine so große Freude, daß ein guter Bekannter von mir, den ich unterwegs getroffen habe, sagte: „Du hast ja ein ganz andres Gesicht.“ Auch als Stadtrat Lauser, bei dem ich wohnte, mich nach längerer Zeit wieder sah, drehte er sich auf dem Absatz herum und rief aus: „Nein, das hätte ich nie geglaubt, daß Sie ein andrer Mensch würden!“ Es war auch kein Wunder, daß er so redete. Er kannte mich ja von der Zeit her, wo ich noch so oft betrunken war und fluchte.

Wie ich sah, daß der Herr mich so errettet hat, habe ich zum Heiland gesagt: „Lieber Heiland, jetzt will ich ein Zeugnis der Wahrheit werden. So, wie ich dem Teufel bisher gedient habe, will ich auch jetzt für Dich da sein um jeden Preis. Du magst es machen, wie Du's willst, und wenn es gerade in den Tod geht!“ – Und der Herr hat mich beim Wort genommen. Es ging schwer unten durch. Aber der Herr hat mich nicht zuschanden werden lassen. Ich bin so froh, daß ich mich von Anfang meiner Bekehrung an unter die scharfe Zucht des Heiligen Geistes gestellt habe. Ich weiß noch, daß ich dachte: „Das ist aber streng!“ Doch in allen Schwierigkeiten und Anfechtungen sagte ich immer: „Herr, ich klammere mich an Dich!“ Auch hat mir der Herr ganz deutlich in meiner Wohnung Bopserstraße 4 zugerufen: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Das war mir zu groß, diese Liebe des Heilands!

Bald nach Stadtrat Lauser begegnete mir auf der Straße ein Trunkenbold und lud mich ein: „Stanger, geh mit mir; ich bezahl' dir ein paar Glas Bier!“ Aber ich sagte: „Ich habe in meinem Leben genug getrunken.“ Er machte aber fort: „Geh doch mit, ich bezahl dir den besten Wein!“ Ich sagte ihn: „Sonst nichts mehr! Ich habe in meinem Leben genug getrunken.“ Das hat mich jetzt keine Überwindung gekostet. Und nun sagte er mir, wenn ich mitgegangen wäre, hätte er mich alles Schlechte zusammen geheißen. Aber jetzt glaubte er, daß ich keinen Alkohol mehr trinke.

So durfte ich auch vom Rauchen frei werden. Ich war ein starker Raucher und wußte nicht, daß man auch davon frei werden muß. Ich sagte zu meiner Frau: „Nicht wahr, rauchen darf ich doch? Das ist keine Sünde.“ Sie sagte: „Nein, das ist keine Sünde.“ Weil ich mich bekehrt hatte und das Geld nun nicht mehr ins Wirtshaus trug, dachte ich, ich dürfe mir schon auch bessere Zigarren leisten und habe mir gleich eine Kiste der besten gekauft. Ganz behaglich setzte ich mich an meinen Tisch, auf welchem Blumhardt's Buch lag, und wollte rauchen. Als ich die erste Zigarre in den Mund nahm, hat sie mir fast den Mund verbrannt. Zugleich sagte auch der Herr: „So, du sitzt so bequem dahin, und da liegt das gute Buch.“ Sofort habe ich die Zigarre in den Ofen geworfen und habe mit dem Rauchen Schluß gemacht. Die Zigarren habe ich einem Kollegen von mir gegeben, und er sagte: „So gute Zigarren habe ich noch nie geraucht“, und ich sagte: „So eine schlechte habe ich noch nie im Mund gehabt.“

Ebenso dachte ich, ich dürfe jetzt auch im Essen mehr Ansprüche machen wie bisher. Meine Frau machte sonntags immer Rinderbraten mit Spätzle. Die Spätzle habe ich aber nicht gern gegessen; sie würgten mich so im Hals. Deshalb verlangte ich, sie solle dafür in Zukunft Kalbsbraten und Kartoffelsalat machen. Meine Frau sagte, dann müsse man auch ein „Soßegümple“ haben, „fett und mager“. Sofort ging ich in einen Laden und sagte: „Grüß Gott! Ich möchte ein 'Soßegümple fett und mager' haben.“ Das Fräulein zeigte mir einen solchen Gumpen und sagte: „Sehen Sie, da kommt das Fette und da das Magere heraus.“ Voller Freude ging ich damit heim, weil mein Wunsch erfüllt wurde. Aber jetzt hat mich der Herr auch davon frei gemacht; es ist mir ganz einerlei, ob ich Rindfleisch oder Kalbsbraten habe. Ich spüre es nicht einmal mehr.

So wollte der Teufel auch haben, daß ich dichten solle. Auf einmal kam ein Dichtergeist über mich. Ich hätte dichten können wie am Schnürle. Aber der Herr sagte sofort: „Beug du dich!“ Das hat mich so zusammengeschlagen, daß mir das Dichten vergangen ist. Der Teufel wollte mich nämlich damit wieder zum Hochmut verleiten.

Ich ließ mich nicht mehr abhalten und besuchte weiterhin regelmäßig die Versammlungen im Evangelischen Saal. Ich wurde ein strenger Altpietist. Ich habe geglaubt, wer nicht zu uns in die Versammlung geht, der ist verloren. Ich wollte sogar meine Mutter und meine Frau bekehren. Ich sagte: „Ihr habt einmal keine Zeit zum Sterben.“ Sie haben mich aber ausgelacht. Und da war ich froh, daß ich in Bruder Klenk, dem Gemeinschaftspfleger, einen Menschen fand, der mich gut verstand. Er war jener freundliche Bruder, der mich beim erstenmal in dem Evangelischen Saal mit begrüßt hatte und sich meiner väterlich annahm. So wurde er mein geistlicher Vater. Er war früher Schreiner in einem großen Geschäft. Er lebte aus, was er andern sagte, und war in allem ein Vorbild. Er lud mich ein, in die „Brüderstunde“ zu kommen bei Schneider Butz. Ich ging hin, und am Schluß der Zusammenkunft kniete man nieder zum Gebet. Das hatte ich noch nie gesehen, und ich schaute mich um, ob jemand sitzenbleibe. Es blieb aber keiner sitzen. Da mußte ich halt auch knien. Nachher haben mir meine Knie recht weh getan. Ich kam voller Freude heim und erzählte meiner Mutter und meiner Frau, wie freundlich mich die Brüder gegrüßt haben. Aber beide wollten nichts davon wissen, und ich hatte mich doch so sehr darüber gefreut. Auf dem Weg in diese Brüderstunde traf ich einmal einen mir bekannten Gemüsehändler vor seinem Hause an, wie er seine Zeitung las. Das sagte mir der Teufel: „Wie der's gut hat!“ Ich aber mußte sagen: „Nein, der hat's nicht gut! Ich darf in die Stunde gehen, Gottes Wort hören und meinem alten Menschen absterben. Der weiß von dem nichts.“

Einst ging ich mit mehreren Brüdern spazieren; da kam Oberlehrer Dietrich aus einem Haus heraus und begrüßte sie, nur mich nicht. In mir rumorte es. Ich dachte: „Wenn die Sache so steht, dann bleibe ich lieber weg“, und der Teufel sagte gleich: „Jetzt gehst du nimmer hin.“ Da sagte ich: „Jetzt gehe ich erst recht hin.“

Aber jetzt machte sich der Teufel auf, und ich mußte von einem meiner Prinzipale und von meinen Kollegen viel Spott und Ungerechtigkeit erdulden. Manchmal wollte mich der Teufel zum Zorn reizen. Als mich die Arbeiter einmal so arg erzürnten, habe ich auf meine Zunge gebissen, um nicht loszuplatzen, und konnte stille sein. Nachher durfte ich mich innerlich so freuen. Ich sagte aber zum Heiland: „Das nützt mich alles nichts, die Wurzel muß heraus!“ – Mein Prinzipal konnte mich nicht anschauen. Wenn ich vor ihm stand und ihm in die Augen schaute, zitterte er am ganzen Leib. Ganz besonders ärgerte er sich darüber, daß ich nicht mehr wie früher die schlechten Witze mitmachte. Ich hätte ja noch mehr Witze machen können wie sie, daß sie genug zu lachen gehabt hätten. Mit aller Gewalt wollte mich auch der Teufel dazu bringen. Aber der Herr hat mir gezeigt: „Wenn du mittust, sagen sie: 'so sind sie, die Frommen; das sind die Allerärgsten.'“ Ich schrie zum Herrn um Kraft, und ER machte mich frei. Auf einmal wurde der Stanger still, und der Herr stritt für ihn. – Diese Umgebung, in der ich viele Jahre mitgemacht hatte, wurde mir zuwider. Aber der Herr sagte mir: „Da in diesem Geschäft mußt du bleiben und ausharren; da wirst du gesäubert und gereinigt.“ Ich habe Gehorsam gelernt und habe gern alles getan, was man mich geheißen hat.

Den ganzen Tag mußte ich ihre wüsten Gespräche anhören. Deshalb habe ich den Herrn gebeten: „O Herr, verstopfe doch meine Ohren, daß ich von dem Gespött nichts mehr höre!“ Das hat der Herr wirklich erhört. Als einmal mein Prinzipal mit einem Arbeiter über etwas verhandelte, wo jeder recht haben wollte, fragte der Prinzipal: „Stanger, ist es nicht so, wie ich sage?“ Ich sagte: „Ich weiß nicht, wovon Sie gesprochen haben. Was haben Sie denn gesagt?“ Er sagte: „Ja, haben Sie das nicht gehört?“ Wir haben doch so laut geredet.“ Ich gab zur Antwort: „Ich habe nichts gehört.“ Dann mußte er mir nochmals sagen, was sie miteinander gesprochen hatten. Darauf sagte ich meine Meinung, und dann war es fertig.

Trotz seiner Spötterei hatte er so ein großes Vertrauen zu mir, daß ich auch die Fabrik abschließen mußte, wenn er nicht da war. Er sagte: „Stanger, schließen Sie die Fabrik ab; ich kann es niemand andrem anvertrauen als Ihnen; die andern stehlen alle. Sie dürfen Ihrer Tochter eine Schmuckschatulle machen, weil Sie das ganze Jahr nicht stehlen.“ Auf der andern Seite behandelte er mich wieder so ungerecht, daß sogar meine Arbeitskollegen sich dagegen auflehnten. Sie sagten: „Wir wollen für dich einstehen; das kann man nicht mehr mit ansehen, wie der mit dir umgeht“. Ich gab zur Antwort: „Laßt es nur sein; das ist nicht der Mühe wert.“

Wenn es pressierte und viele Bestellungen eingingen, wurde in der Fabrik auch an Sonntagen gearbeitet. Ich habe aber an Sonntagen nicht mehr gearbeitet, seitdem ich dem Heiland nachfolgte. Lieber habe ich samstags geschafft bis nachts 12 Uhr. Wie ich an einem Montag ins Geschäft kam, fing der Prinzipal an zu fluchen und zu wettern: „Die Sonntagsarbeit ist nur auch gar nichts!“ Da dachte ich: „Bin ich froh, daß ich nicht mehr dabei bin!“

Ich war jeden Abend dankbar, wenn der Feierabend kam; denn in der Fabrik war ich in der Hölle. Wie oft habe ich gesagt: „Heute hat mich der Teufel mit Gewalt umbringen wollen, aber ich habe nicht nachgegeben.“ Wenn ich nur daran denke, wie mich ein Arbeiter ärgern wollte! Ich sah zu, wie mir dieser Kollege einen kochend heißen Leim in meinen Most goß. Aber der Herr hat mir durchgeholfen, daß ich ganz ruhig dabei blieb, und Er konnte mir deshalb wohltun. Ich habe mich benommen, als ob nichts vorgefallen wäre. Denn in meinem Herzen war eine große Liebe zu meinem Feind. Ich habe den Herrn gebeten, Er solle das Getränk nicht zugrunde gehen lassen, und ich habe Ihm gedankt, daß ich es so ziemlich genießen durfte. Nachher sah ich, wie diesem Arbeiter Kassettenschubladen aus den Armen über den Tisch hinunterfallen wollten. Mit seinen kurzen Armen war es ihm nicht möglich, sie aufzuhalten. Schnell bin ich hingesprungen, habe ihm die Kassetten aufgefangen und sie an ihren Platz gestellt. Mit großen Augen schaute er mich eine ganze Weile verwundert an, konnte aber kein Wort herausbringen. Er hat dann nachher zu jemand gesagt: „Der Stanger ist doch ein rechter Mann!“

Im Anfang meiner Bekehrung, bevor ich ins „Blaue Kreuz“ ging, nahm ich zum Vesper noch Most mit in die Fabrik. Sonst aber habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Es war damals heißer Sommer. Als ich nun so Durst hatte und so lange über die Zeit arbeiten und Überstunden machen mußte, da sagte der Teufel: „Du darfst wohl mehr Alkohol trinken, wenn man so schaffen muß wie du.“ Er wollte mich wieder zum Bier- und Schnapstrinken verleiten. Ich habe aber gar nicht auf seine Stimme gehört, sondern ging hin zum Wasserhahnen, habe mein Glas mit Wasser gefüllt und bei jedem Schluck gedankt. Den Teufel habe ich stehenlassen. Von da an hat er mich mit dem Alkohol in Ruhe gelassen. Die Wurzel war heraus.

Jetzt versuchte er mich auf andere Art zu Fall zu bringen. An einem Sonntagnachmittag, als ich die Neue Weinsteige hinauf spazierenging, da wurde ich vom Teufel stark angefochten. Eine Stimme rief mir vom Himmel herunter laut zu: „Tu es nicht! Tu es nicht! Wenn du es tust, dann sagt er: Du bist mein!“ Ich bin sehr erschrocken und habe laut geschrien „Herr, bewahre mich vor dem Argen! Guck, er will mich umbringen!“ Mit einem Schlag war ich frei; da mußte der Teufel auf und davon. Die paar Worte reichten aus für meine Rettung, und ich mußte den Herrn loben und Ihm danken, daß Er mich so gnädig bewahrt hat vor dem Argen.

Ich lernte immer mehr auf Gott sehen und mit Ihm verbunden sein und durfte dadurch Herrliches erleben. So habe ich in der Fabrik einst während der Arbeit innerlich ein Gesangbuchlied gesungen. Auf einmal sangen zwei Engelstimmen wunderschön mit mir in meinem Innern. Ich wollte aufhören und dachte, die können allein singen. Da waren auch sie still. Da merkte ich, da muß man dabei sein, und habe tapfer weitergesungen. Dann haben die Engelstimmen auch wieder mitgesungen, erster und zweiter Tenor. Dreistimmig haben wir das Lied miteinander zu Ende gesungen, und niemand hat etwas davon gemerkt. – Ein andermal machte ich auf der Plattform (flaches Hausdach) meiner Frau das Waschseil ab. Ich lief dabei immer rückwärts und war so recht mit meinem Heiland verbunden. Auf einmal rief eine gewaltige Stimme mir zu: „Halt!“ Ich schaute mich um. Noch ein kleiner Schritt, und ich wäre gerade die Falltür hinuntergestürzt. Wie war ich da so dankbar, daß der Engel des Herrn mich davor bewahrt hatte!

Einmal hielt Prediger Schrenk eine 14tägige Evangelisation in der Liederhalle. Da sagte mein Prinzipal: „Man sollte auf dem Marktplatz einen Scheiterhaufen errichten und die ganze fromme Gesellschaft verbrennen, die zum Schrenk in die Liederhalle geht.“ An einem Morgen, als ich ins Geschäft kam, sah mich mein Prinzipal etwas spöttisch an und wollte gerade vom Prediger Schrenk anfangen. Da kam ich ihm aber zuvor. Ich dachte: „Jetzt gilt's, und wenn er mich aus der Fabrik hinausjagt.“ Ich ging zu ihm hin und sagte: „Ich will Ihnen nur sagen, daß ich jeden Tag eine halbe Stunde früher Feierabend mache, weil ich in die Versammlung gehe und dort beim Saalordnen mithelfen will. (Ich habe auf dem Podium Ordnung gehalten.) Über einen solchen Mann kann man nicht richten, wenn man ihn noch nie gesehen und gehört hat. Deshalb muß man selber hingehen und sich überzeugen. Ich lade Sie und alle Arbeiter ein, mitzukommen.“ Dann hob ich meinen Finger auf und sagte ihm noch: „Und ich sage Ihnen, es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, hernach aber das Gericht. Sie wissen, wie ich früher war und wie es jetzt mit mir ist.“ Da konnte er nur noch antworten: „Ja, das muß ich sagen. Sie sind ein andrer geworden!“ Ich bekannte weiter: „Ich kann nicht anders, ich muß diesen Weg gehen.“ Bei diesen Worten schrie ein Kollege laut auf wie eine Kuh und weinte bitterlich. Eine ganze Stunde ungefähr war eine heilige Stille. Keiner getraute sich zu reden. So nach und nach fingen der Prinzipal und ein Kollege an zu spötteln: „Jetzt muß man mit der Bibel unter dem Arm ins Geschäft kommen.“ In mir hat es aber geheißen: „Sei still, du hast sie ermahnt und deine Sache gesagt.“ Am andern Tag fragte mich der Prinzipal: „Gehen Sie wieder zu Schrenk?“ „Ja, alle Tage gehe ich hin.“ Sie wollten dann sehen, welchen Weg ich ging. Und ich ging extra gerade den Weg hinunter, daß sie sahen, daß ich zum Prediger Schrenk gehe. – Eines Abends saß ich vor Beginn der Evangelisationsversammlung neben einem Bauernmädchen. Ich mußte ihm Zeugnis geben von dem, was ich erlebt habe, wie man beim Heiland fröhlich und glücklich werden kann. Noch vor der Versammlung hat es den Heiland gefunden, ohne daß ich es wußte. Erst einige Wochen später ließ es dies durch einen Bruder mitteilen.

Meine Arbeit tat ich jetzt auch in einem ganz andern Sinn; denn ich arbeitete zur Ehre Gottes. Sonntags ging ich in die Kirche, besuchte Kranke, Witwen, Waisen und Trinker, zu denen mich der Herr führte.

Ein großer Trunkenbold war auch ein Kollege von mir. Wir haben Nächte miteinander „kampiert“. Er hörte von mir, daß ich bekehrt und ein anderer Mensch geworden sei. Wo ich ihm begegnete, ging er mir immer aus dem Weg. Deshalb betete ich: „Lieber Heiland, sei so gut und laß mich diesem armen Menschen einmal begegnen, daß ich mit ihm reden und er mich einmal nicht anklagen kann.“ Mein Wunsch wurde bald erfüllt. Nach einigen Tagen begegnete er mir ganz unverhofft. Da sagte ich: „Herr, das ist aber schnell gegangen!“ Aber um mein Wort zu halten, sprach ich ihn an. Er ging an mir vorüber; ich sagte ihm: „Halt, mit dir muß ich einige Worte reden!“ Als ich ihm sagte, daß ich nicht mehr ins Wirtshaus gehe und ein andrer Mensch geworden sei, bekam er einen furchtbaren Zorn und schrie über mich hinein: „Und mir gefällt es erst recht in den Wirtshäusern!“ Da lief er von mir weg und schrie mir nach: „Also gut, dann gehörst du deinem Heiland, und ich gehöre dem Teufel!“ Ich sagte: „Dabei bleibt's, dabei bleibt's!“ Und vier Wochen darauf war er eine Leiche. Eine Schwester hatte ihn noch ermahnt. Er konnte es aber nicht mehr annehmen. Als er tot war, kam jemand mit seiner Photographie, die hat aber schrecklich ausgesehen.

Wieder einer meiner früheren Kameraden kam zu mir. Ich sagte: „Da schau her; auf unserm Tisch steht nicht mehr das Schoppenglas, sondern da liegt jetzt die Bibel. Du weißt noch, wie wir immer gesagt haben, es gebe keinen Gott.“ Da sagte er: „Es gibt auch keinen Teufel.“ „Der Teufel bist du selbst“, gab ich ihm zur Antwort. „Ja, das kann sein“, meinte er. Ich sagte weiter: „Ich habe es jetzt erfahren, es gibt einen Gott. Und wenn du es nicht glaubst, hat doch dein Leben keinen Wert, dann hänge dich doch! Was tust du so in der Welt! Aber ich sage dir noch einmal: Es gibt ganz gewiß einen Gott!“ Er ging heim und sagte zu seiner Frau: „Der Stanger will mich eines andern belehren.“ Nach 14 Tagen hat er sich ersäuft im Neckar. Das war der letzte Mahnruf. Da ist ihm der Herr durch mich noch einmal in den Weg gestanden. Aber er hat die Gnade nicht mehr annehmen können.

Auch meinen leiblichen Bruder, der ebenfalls Trinker war, habe ich manches Mal ermahnt, er solle doch umkehren. Er hat aber nie etwas von mir angenommen. An einem frühen Morgen saß er, wie gewöhnlich, in der Kneipe und trank seinen Schnaps mit einem Friedhofsaufseher zusammen. Zu dem sagte er: „Mich bekommst du einmal nicht!“ „So schwätzt man nicht heraus!“ gab ihm dieser zur Antwort. Mein Bruder rechnete nämlich damit, daß demnächst ein Krematorium gebaut werde und er sich später nach seinem Tod verbrennen lassen würde. Aber noch in der folgenden Nacht schrie er plötzlich furchtbar auf und starb in den Armen seiner Tochter. Ohne Frieden und mit einem furchtbaren Geschrei ging er in die Ewigkeit. Ich wollte nachher auf sein Grab gehen; aber der Herr sagte mir: „Du darfst nicht auf sein Grab gehen.“ Also war er ganz verworfen von Gott.

Ich besuchte auch bald nach meiner Bekehrung einen mir bekannten Trinker, einen Stuttgarter Schutzmann, um ihm vom Heiland zu sagen. Kurz zuvor begegnete mir eine Frau auf der Straße und sagte: „Wissen Sie schon, daß der Schutzmann im Sterben liegt?“ Er war mir bekannt als ein grober Mensch; deshalb besuchte ich ihn erst, als er schon schwer krank im Bett lag. An einem Sonntag ging hinaus zu ihm; er hatte die Schwindsucht. Besonders heftige Schmerzen machte ihm eine Geschwulst, die sich hinten gebildet hatte und voller Eiter war. Der Arzt sagte, die müsse er behalten bis an sein Ende. Wie ich zu ihm kam, hatte er eine große Freude und sagte: „Was, Sie kommen zu mir?“ Und noch mehr erstaunt war er, als ich mein Testamentchen aus der Tasche holte. „Drum habe ich Sie nicht mehr in den Wirtshäusern gesehen“, sagte er. „Und ich bin nicht wert, daß ich zu Ihnen kommen darf“, gab ich ihm zur Antwort. Ich las ihm etwas vor und kniete nachher noch nieder zum Gebet. Da traute er seinen Augen nicht und rief aus: „Ach Frau, sieh nur her, der Stanger kniet nieder und betet, und wir haben unser Leben lang noch nie unsre Knie miteinander gebeugt!“ Der Mann bekehrte sich zu seinem Heiland. Bevor ich mit ihm betete, fragte ich ihn, ob er glaube, daß der Herr seine Geschwulst wegnehme. „Ja, freilich,“ antwortete er; „sollte ich das nicht glauben?“ Als ich zum zweitenmal mit ihm betete, bewegte sich etwas in der Geschwulst. Beim drittenmal platzte die Geschwulst auf, und aller Schmerz war verschwunden. Es wollte ihm auch Sorge machen, ob er sein Gehalt weiter bekomme; denn wenn er pensioniert wurde, bekam er doch bedeutend weniger. Auch da fragte ich ihn, ob er glaube, daß, wenn wir miteinander zum Herrn darum beteten, er sein Gehalt weiter bekomme, solange er lebe. Er sagte wieder: „Ja, sollte ich das nicht glauben?“ Wir beteten miteinander, und der Herr hat auch da erhört. Als ich kurz darauf wieder kam, saß der Polizei-Inspektor an seinem Bett und teilte ihm mit, daß sein Gehalt noch einige Zeit weiterlaufe. Er lebte von da an noch etwa vier Wochen, und seine Frau erhielt noch bis acht Wochen nach seinem Tod sein volles Gehalt ausbezahlt. Die Gebetserhörungen machten ihm Mut, und voll Freude über seine Rettung sagte er mir einmal: „Sie hat Gott zu mir gesandt! Ich wäre sonst ewig verlorengegangen!“ Er war auch der Meinung, wenn man das heilige Abendmahl genommen habe, könne es einem nicht mehr fehlen, da müsse man ihn den Himmel kommen, um mit ihm den Herrn zu loben und zu preisen. Ich erzählte ihm auch, was mir der Herr im Gesicht von Möttlingen geoffenbart hatte, und ich sagte noch: „Ich werde Ihnen wohl bald nachfolgen.“ Da hob er den Finger auf und sagte: „Ich sage Ihnen, Sie haben noch einen weiten Weg vor sich, so einer, wie Sie sind.“ Er ging selig heim und vor seinem Tod sagte ich ihm, er solle den lieben Heiland von mir grüßen. Als man den Schutzmann begraben hatte, mußte ich sagen: „Heute ist ein Heiliger auf den Pragfriedhof hinausgeführt worden.“

Am Sonntag darauf gingen ein Bruder und ich zu einer armen Witwe. Als wir die Treppe hinaufgingen, kam ein starker Strom an mein rechtes Ohr vom Himmel herab, und ich hörte eine Stimme sagen: „Ich danke dir, dich danke dir.“ So ging's fort von Mittag bis Abend, bis es dunkel wurde. Ich erzählte es dem Bruder; aber er lachte und verstand es nicht. Als mir später der Institutslehrer Liebendörfer begegnete, erzählte ich es ihm. Er sagte: „Das habe ich auch schon erlebt; das ist der Schutzmann, der durch dich gerettet worden ist. Er hat vor Gottes Gnadenthron gekniet und gedankt für alles, was an ihm geschehen ist, und gebeten, ob er von dort aus dir danken darf. Das ist die Geistesverbindung.“

Einst wurde ich von einem Reichsgottesarbeiter vor einem gewissen Trinker gewarnt, der besonders gefährlich wäre; wenn ich zu ihm ginge, könnte es schlimm ausfallen für mich. Ich sagte: „Wenn ich hingehe, kann es mir gar nichts machen; ich erzähle ihm eben aus meinem Trinkerleben.“ An einem Sonntagmorgen nach dem Gottesdienst besuchte ich ihn. Als ich ihm sagte, wer ich sei, bekam er einen solchen Zorn, daß er zähneknirschend vor mir stand. Ich klopfte ihm aber mit der Hand auf die Schulter und sagte: „Wir müssen noch ganz gute Freunde werden.“ Dann erzählte ich ihm aus meinem Leben, worauf er sagte: „Dann kann ich auch noch gerettet werden.“ Ich fragte ihn, ob ich nicht am Nachmittag ihn zu einer Versammlung für Trinker abholen dürfe. Da sagte er ganz bös: „Einmal bin ich dort gewesen, aber nie mehr. Die haben mich zwingen wollen zu unterschreiben.“ Ich beruhigte ihn und sagte: „Aber ich möchte hin und bin noch nie dortgewesen; wollen Sie mir nicht den Weg zeigen?“ Da sagte er: „Doch, das will ich gerne tun.“ Auch seine Frau erklärte sich bereit, mitzukommen, und am Nachmittag führten sie mich hin. Als wir hineinkamen, saß ein Herr da, der ihn von seinem ersten Besuch her kannte. Der fragte ihn: „Wie kommt's, daß Sie auch wieder einmal kommen?“ Er antwortete: „Da, den Herrn da hab' ich hergeführt.“ Kurz darauf besuchte ich an einem Werktagnachmittag seine Frau. Sie klagte mir, daß ihr Mann wieder furchtbar am Trinken sei. Ich sprach mit ihr über ihr Seelenheil; sie tat Buße und kam zum Frieden. Wir beteten zweimal für ihren Mann. Als er abends nach Hause kam, sagte er, er habe in drei Wirtschaften hineingewollt und nicht gedurft; sobald er die Schwelle des Wirtshauses betrat, mußte er wieder zurückgehen. Seine Frau sagte ihm: „Der Stanger war da, und wir haben für dich gebetet.“ Da antwortete er: „Ja, jetzt begreif' ich's, daß ich nicht hineindurfte.“ Es stand nicht mehr lange an, bis er selbst zusammenbrach und auch Frieden fand.

Im Laufe der Zeit wurde ich von einem Stadtmissionar zum Beitritt in das „Blaue Kreuz“ eingeladen. Ich kam regelmäßig dorthin und habe dort eine Zeit erlebt, wo ich die Trunkenbolde in mein Haus aufgenommen habe. Ich habe die Bibel gelesen, und jeder hat ein Zeugnis abgelegt, einer wie der andere. Einer von ihnen sagte: „Stanger, als Sie zu mir gekommen sind, habe ich Sie in den Augen scharf beobachtet. Wenn Sie geblinzelt hätten, hätte ich Sie genommen und die Treppe hinuntergeworfen.“ Die andern sagten Ähnliches. Als sie nach Hause gingen, habe ich jedem einen Kuß gegeben. Einer von ihnen sagte zu seiner Hausfrau, die auch in die Stunde ging: „Der Stanger hat uns einen Kuß gegeben; da muß man schon weit sein.“

In einem Ort in der Nähe von Stuttgart lebte eine mir bekannte Person, die schwermütig war und sich immer das Leben nehmen wollte. Immer trieb es mich, die Person zu besuchen. Am Sonntagmittag fuhr ich mit meiner Frau hin. Unterwegs im Eisenbahnwagen sah ich über mir ein Gesicht wie das eines strahlenden Engels. Ich konnte es vor Glanz kaum ansehen und mußte es doch immer wieder ansehen, und mein Herz war voll Lobes, Dankes und Anbetung. Am Bahnhof sagte ich zu meiner Frau: „Mir ist Erbarmung widerfahren.“ – Dann besuchten wir zuerst eine Verwandte meiner Frau, die uns aufhalten wollte; ich aber sagte: „Ich halte es nicht mehr aus; ich muß zu der Bekannten gehen.“ Wir gingen hin, erfuhren aber dort, sie sei geistesgestört. Sie mußte Tag und Nacht bewacht werden und war gerade unten im Garten. Ich sagte zu der Frau, die uns das mitteilte: „Ja, dann wollen wir wieder gehen; zu einer solchen Arbeit bin ich nicht zu gebrauchen.“ Wir stiegen die Treppe hinunter, und an der Haustür begegnete uns die Geisteskranke. Ich sagte ihr, wer ich sei, denn sie erkannte mich nicht. Sie, sowie auch die Frau des Hauses baten mich, ich möchte doch dableiben. Daraufhin ging ich wieder mit hinauf und erzählte ihr, wie sündig ich früher gewesen und wie glücklich ich geworden sei durch meinen lieben Heiland. Es war eine ganze Höllenluft in dem Zimmer. Bevor ich ging, sagte ich ihr: „Gelt, du denkst gerade: Das ist auch so ein schlechter Mensch.“ Da ist sie heftig erschrocken und hat mich um Verzeihung gebeten, daß sie so gedacht habe. Ich sagte ihr aber: „Sollte ich dir nicht verzeihen, nachdem mein Heiland für alle meine Sünden ans Kreuz gegangen ist und mir alles vergeben hat?“ Und bei diesen Worten konnte sie es im Glauben fassen, daß der Heiland auch für sie gestorben ist. In diesem Augenblick mußte der Teufel sie loslassen. Sie jubelte auf und strahlte vor Freude, und unter Loben und Danken begleitete sie uns zum Bahnhof. Durch den kindlichen Glauben an den Heiland war sie gesund geworden.

So war auch in Hirschlanden ein besessenes zwölfjähriges Töchterlein. Die dortigen Brüder beteten für dasselbe Tag und Nacht, aber der Teufel fuhr nicht aus. Es wollte nicht mehr essen und nicht mehr zu Hause sein bei den Eltern, sondern hielt sich meist auf dem freien Felde auf. Wenn die Eltern das Mädchen suchten und meinten: „Jetzt haben wir sie,“ war es ihnen schon wieder wie eine Schlange entwischt. Ein Bruder kam nach Stuttgart, erzählte mir weinend den Jammer des Kindes und bat mich zu kommen. Ich sagte: „Gut, ich will morgen früh hinfahren und nach dem Kind sehen.“ Der Herr hat es mir gleich geoffenbart, daß das Kind frei werde. Ich fuhr mit dem ersten Zug nach Hirschlanden. Unterwegs wollte ich den Herrn bitten; da sagte Er mir: „Brauchst nicht mehr zu bitten; Ich habe dir ja gesagt, daß das Kind frei wird.“ Und so durfte ich dort schon für den Sieg danken. Den Tag zuvor sagte der Geist aus dem Kind heraus: „Morgen kommt einer aus Stuttgart; da muß ich fort.“ Ein Bruder kam mir entgegen und sagte: „Schnell, schnell, jetzt ist es am allerärgsten!“ Ich sagte: „Seid nur still!“ und ging ins Haus. Dort waren mehrere Brüder, darunter auch Stadtmissionar Sch. Ich fragte die Eltern: „Wollt ihr euch bekehren? Sonst wird euer Kind nicht frei.“ (Ich wäre sonst gleich wieder fort.) „O freilich, da kann man nicht anders,“ sagten sie. Hinter dem Vorhang sah ich, wie das Kind auf die Matratze hineinhopfte und auf seine Tante einschlug. Es hatte den Mund ganz auf der Seite. Die Eltern sagten, sein Großvater, dessen Geist in dem Kind war, hätte auch einen schiefen Mund gehabt; es sei sein Liebling gewesen. Plötzlich sind dem Kinde die Haare zu Berg (in die Höhe) gestanden. Es schrie: „Au, au, jetzt reißen sie mir alle meine Haare heraus!“ Im stillen sagte ich: „Herr, kannst Du das länger mit ansehen“? Da hat mich das Kind bemerkt, und eine Mannesstimme schrie aus ihm heraus: „Wer ist da draußen?“ Ich sagte: „Macht den Vorhang zu! Wir wollen niederknien und beten.“ Ich schrie innerlich zum Herrn. Die Brüder wollten mitbeten. Ich fürchtete aber, der Teufel könnte in sie fahren, und fragte sie: „Seid ihr alle rein?“ Da sagten sie: „Wir wollen lieber daheim beten“ und gingen auf und davon; nur der Stadtmissionar Sch. blieb zurück. Nun stand ich wieder auf, setzte mich auf einen Stuhl und ließ durch die Eltern das Kind holen. Es kam an meinen Schoß her, und ich redete freundlich mit ihm: „Wie heißt du?“ Sie gab zur Antwort: „Mariele.“ Und als ich es fragte: „Glaubst du, daß du gleich frei wirst?“ sagte es: „Ja.“ Ich sagte: „Glaub's nur fest, dann wirst du gleich frei.“ Da nahm die Mutter das Kind auf den Schoß, und ich gebot im Namen Jesu, daß der Teufel ausfahren muß. Ich betete einfältig, und auf einmal schrie der Geist: „O wird mir's schlecht; schnell machet 's Fenster auf!“ Ich sagte: „Sonst nichts mehr, glaubst, man mache dir noch den Hausknecht, du Teufel; du bist hereingekommen, lug, wo du hinauskommst!“ Das Kind hatte einen kranken Arm und einen kranken Fuß. Es riß die Binde weg, und der Arm und der Fuß waren geheilt, weil der unsaubere Geist draußen war. Ich weiß selber nicht, wie dies zugegangen ist. Zu seinen Eltern sagte ich, daß ihr Kind frei sei. Die Mutter brachte dem Kind zwei Eier, die es aß. Dann machte ich im Ort noch einen Besuch, und als ich wieder zurückkam, spielte das Kind voller Freude Zither an seinem Tisch. Eine Verwandte von ihnen kam nachher zu dem Arzt, der das Kind behandelt hatte. Dieser erzählte ihr, sie hätten alles angefangen, und nichts habe geholfen. Nun seien die Eltern zu einem Teufelsbeschwörer nach Stuttgart gegangen, und da sei es gleich anders geworden. – Zwei Jahre vorher war des Kindes Vater schwerkrank gewesen. Da hatte er dem Herrn versprochen, sich zu bekehren, hat sein Versprechen aber nicht gehalten, sondern blieb gottlos. Da kam der unsaubere Geist zu ihm und sagte: „Ich habe schon zweimal in dich fahren wollen, weil du dich nicht bekehrt hast. Ich habe es aber nicht tun dürfen; nur in deine Tochter zu fahren habe ich die Erlaubnis bekommen. Aber dir habe ich die Influenza gemacht und die Geschwulst im Nacken und dein Büblein habe ich in einen Glasscherben treten lassen.“ Diese Geschwulst beim Vater und die Wunde beim Büblein waren noch da, und sie heilten erst, als ich die Hand auflegen durfte. Bald darauf wurde ich in der Zeitung als Hexenbanner und Teufelsbeschwörer gebracht. Auch bei den Frommen ist es mir nicht besser gegangen. Die dortigen Brüder sagten nachher: „Hast du es nicht zu arg gemacht?“ Ich dachte, als mich der Herr so gebrauchte, die Reichsgottesarbeiter würden sich freuen, wenn ich ihnen Handlangerdienste tun dürfe; aber dann hieß es auch bei ihnen, ich triebe Teufelsarbeit. Ich habe mich aber dadurch nicht abbringen lassen; desto mehr konnte mir der Herr Klarheit und Geistesunterscheidung geben.

Nach einiger Zeit gab der Herr mir den Befehl, ich solle nach Möttlingen gehen. Ich sagte zum Herrn: „Sende, wen du willst, nur mich nicht; ich kann nichts und habe nichts gelernt und bin arm geboren.“ Aber es half alles nichts. Ich mußte gehen. Der Herr hatte mir ja schon früher (wie schon erwähnt) in einem Gesicht die Not in Möttlingen vor Augen gestellt. Jetzt sagte ich: „Heiland, dann muß ich doch nach Möttlingen. Ich will gehen und will dort von Dir zeugen, daß sie nicht verlorengehen. Und wenn sie mich mit Steinen werfen, will ich wieder kommen. Und wenn sie mich vor den Ort hinauswerfen, ziehe ich mein Testamentle heraus und zeuge von Dir!“ Von der Stunde an ging mir Möttlingen nicht mehr aus dem Sinn, und ich hielt ab und zu sonntags in Möttlingen Versammlungen ab. Dabei erzählte ich einem Vetter von mir, wie ich zum Frieden gekommen bin. Das konnte er nicht verstehen und sagte: „Du bist verrückt.“ „Ich bin nicht verrückt,“ sagte ich; „ich will dir's nochmal erzählen.“ Er hörte mir dann so aufmerksam zu, daß ich dachte, jetzt nimmt er's an. Doch als ich fertig war, sagte er wieder: „Du bist verrückt.“ Da ging ich nicht mehr zu ihm hin. – Von einem andern Vetter wurde ich auch beschimpft, weil ich hier Versammlungen halten wollte. Ich solle mich schämen, daß ich nach Möttlingen komme. Weiter schrie er über mich hinein: „Was willst du hier in Möttlingen? Du bist doch unehelich geboren!“ Und noch andres hielt er mir vor. Kaum war ich von ihm weg und lief auf der Straße in der Nähe vom Ochsen, da sagte mir eine Stimme: „Hinab geht Christi Weg!“ Die Leute wollten mich wegen einer Versammlung nirgends hineinlassen. Da sagte ich zum Herrn: „Habe ich Dir nicht gesagt, sie glauben mir nicht? So machen sie mir's.“ Ich rechtete also mit dem Herrn und meinte, wenn ich aus einem reichen Bauernhaus herkäme, dann wäre es anders. Ich ließ mich aber nicht abschrecken, und bald sammelte sich eine nette Anzahl Männer und Frauen um mich, denen ich vom Hei land sagen durfte. Die ersten Versammlungen in Möttlingen waren bei Schreiner Stanger. Dort sah ich an einem Sonntag über den Häuptern der betenden Schar ein Samenfeld. Am nächsten Sonntag zeigte sich über den Häuptern das nämliche Feld, aber mit Ähren, die so groß waren, daß sie mir bis ans Auge gingen. Ich fragte den Herrn: „Was ist denn das?“ Er sage: „Das ist der Same, den du ausstreuen mußt, und das Ährenfeld sind die geretteten Seelen.“ Da wurde ich an jenes Samenfeld erinnert, das ich vor vielen Jahren sehen durfte. Später wollte ich es in einem andern Haus probieren. Als ich gegen dasselbe kam, wehrte mir der Herr und sagte: „Mach, daß du dort hinauskommst in jenes Haus!“ Ich habe gleich gefolgt und lief auf das andre Haus zu. Dort war eine schwerkranke Frau. Ich erzählte ihr, wie es mir ging und von meinem Heiland. Sie sagte: „Wenn ich nur gesund wäre! Ich täte die Leute zusammenrufen. In meiner Stube könnte man Stunde halten. Ich sagte: „Ja weißt, ich kann keine Versammlung halten. Ich kann bloß erzählen von meinem Heiland.“ Und wie ich ihr so erzählte, sagte sie auf einmal: „Ich kann aufstehen, ich bin gesund.“ Sie stand auf, und die Versammlung wurde gehalten. Es war gedrückt voll. Ich redete ganz einfältig von meinem Heiland. Schon bei dem Gesang, der ganz erhebend war, verspürte ich eine Herrlichkeit über unseren Häuptern. Da muß eine Engelschar mitgesungen haben. – So wurde ich auch einmal auf dem Weg von Weil der Stadt nach Möttlingen mit großer Freude erfüllt, so daß ich zu meinem Begleiter, Polizeibeamter M., sagte: „Heute geschieht etwas Großes.“ Der Bruder fragte: „Was denn?“ Ich sagte: „Ja, das weiß ich nicht; aber daß Großes geschieht, das steht mir fest.“ Auf einmal legte sich mir unsichtbar eine Hand auf die Schulter, und die Herrlichkeit Gottes erfüllte mich. Das war der Engel des Herrn. Und was geschah? Ich sagte in de Versammlung zu den Frauen, sie sollen auch ihre Männer schicken. Und wirklich kamen in die Abendversammlung zwölf Männer. Ich durfte in der Kraft Gottes zeugen von meinem Heiland; sie traten alle heraus (zur Bekehrung). Bei einem solchen Besuch in Möttlingen fragte mich einmal ein Bauer, dessen kranke Tochter ich besuchen durfte, am Dorfbrunnen: „Friederle, wer hat denn di' so g'lehrt?“ (Dich so gelehrt.) Ich sagte voller Freude: „Mein Heiland!“ Ich wußte doch nichts anderes, als von ihm zu erzählen. – Da möchte ich noch mitteilen, wie der Herr mir die Schrift ausgelegt hat. Als ich bekehrt war in Stuttgart, mußte ich mich jeden Abend an meine Bibel hinsetzen und lesen. Nun war ich einmal sehr müde und wollte ausruhen. Da sagte der Herr: „Nimm deine Bibel und schlage auf!“ Ich habe zwei Verse gelesen, soviel ich noch weiß im Johannesevangelium. Dann habe ich stillgehalten, und der Herr hat mir unsichtbar und doch persönlich die Schrift ausgelegt, aber so klar und deutlich und einfach, daß ich immer wieder sagen mußte: „Was! So einfach und so gering! Ist das aber einfach!“ Eine große Freudigkeit ging durch mein Herz und eine Kraft durch meinen Körper, daß alle Müdigkeit verschwunden war. So einfach, wie mir der Herr hier die Schrift ausgelegt hat, muß ich das Wort verkündigen. Ich kann nicht studieren; dazu bin ich zu „dumm“. Und doch wollte ich es einmal probieren und mich für die Versammlung vorbereiten, weil die Brüder immer sagten, man müsse auch das Seinige dazutun. Ich habe aber nichts behalten können; der Herr hat mir's gleich wieder weggenommen, und so habe ich gemerkt, daß es nichts ist und mich ganz auf den herrn verlassen soll. – In meiner Bibel habe ich manchmal auch Strichlein und Pünktlein gemacht, wenn mir etwas wichtig wurde. Eines Tages sagte mir der Herr: „Du brauchst keine Strichlein mehr in deine Bibel zu machen.“ Ich sagte: „Ja, aber Heiland, dann will ich den Mund weit aufmachen, und Du mußt ihn mir füllen; und wenn ich einen Vers lesen soll, mußt Du meine Augen auf den Vers lenken..“ Und mein Heiland hat mich noch nie im Stich gelassen.

Im Jahr 1902 trat ich aus der Fabrik aus. Ich wurde sehr schikaniert, und weil meine Tochter heiratete, konnte ich mit meinem Schwiegersohn zusammen arbeiten. Eine Zeitlang, von Herbst 1902 bis Weihnachten 1904, trieben wir ein Geschäft als Etuimacher. Da wir weit unter dem Normalpreis lieferten, kamen wir, trotzdem wir alle beinahe Tag und Nacht arbeiteten, immer mehr rückwärts statt vorwärts und gerieten dadurch in Schulden hinein. Wir mußten das Geschäft aufgeben. – Der Herr hat mir alles Eigene aus den Händen geschlagen. Nur durch den Ungehorsam gegen Gott bin ich so in Schulden geraten.

Besonders im Januar 1905 war die Not groß, weil mein Schwiegersohn auch arbeitslos und der Winter hart war. In meiner Not wäre ich nie zu einem Bruder gegangen. Ich habe zum Heiland gesagt: „Wenn du mich willst verhungern lassen, kannst Du es tun; ich bleibe dennoch Dein.“ Ich habe mich ganz auf meinen Heiland verlassen, und Er hat mir die Verheißung gegeben: „Ich will für dich sorgen!“

In jener Zeit habe ich für den Hunger oft Wasser getrunken und durfte erfahren, daß auch im Wasser eine Kraft liegt. Und zum Mittagessen hatten wir meist nur Wassersuppe und Kartoffeln. Da kam gerade einmal ein Bruder dazu. Er wollte den Jahresbeitrag für das Syrische Waisenhaus abholen. Wie er unser Essen auf dem Tisch stehen sah, meinte er: „Nicht wahr, da könnte es einem nach etwas Besserem gelüsten!“ Ich sagte ihm aber, daß ich auch für das Essen dankbar bin. Das machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Und als ich ihn bat, er solle mit mir beten, sagte er: „Mit Ihnen kann ich nicht beten, Sie haben mehr als ich.“ – Mein Schwiegersohn war schier mutlos geworden. Aber meine Hausfrau munterte ihn auf, sie wolle für ihn glauben, daß er wieder Arbeit bekomme. Und richtig, nach 14 Tagen war er Lagerhalter bei einer Stuttgarter Firma. Auch mir schenkte der Herr einen Ausweg, wie ich von meinen Schulden loskommen sollte. Er zeigte mir, wie ich eine Salbe herstellen und zusammen mit verschiedenen Kräutern gegen Flechten, Salzfluß und ähnliche Leiden verwenden könne. Diese Salbe hat vielen geholfen, und von nah und fern liefen von Vornehmen und Geringen viele Dankschreiben ein. Es war aber auch ganz eigentümlich: Wenn die Leute die Salbe von mir kauften, wurden sie geheilt. Haben sie sie aber von jemand anders gekauft, wurden sie nicht geheilt. Das war mir sehr groß, und ich habe den Herrn gefragt, was denn geholfen hätte. Der Herr sagte: „Deine Gebete waren die Hauptsache.“

Daß man auch durch Glauben allein geheilt werden könnte, wußte ich damals noch nicht. Aber bald durfte ich dies am eigenen Leib in schwerer Krankheit erfahren. Der Herr mußte nämlich so mit mir reden, weil ich nicht ganz nach Möttlingen gehen wollte, wie es immer sein Wille war. So bekam ich im Jahr 1906 ein schweres Gichtleiden, das ein ganzes Jahr dauerte. Ich litt große Schmerzen. Im Anfang meines Gichtleidens habe ich einmal einen Ausgang gemacht, wobei ich auch, weil ich fast nicht gehen konnte, die Straßenbahn benützte. Da kam ein lieber Bruder herein. Er sagte zu mir: „Wie geht's Ihnen denn, lieber Bruder?“ Mit großer Freudigkeit sagte ich ihm: „Danke, mir geht's recht gut; ich bin zur Zeit auf der Hochschule meines Heilands.“ „Ja, das sehe ich,“ sagte er darauf. – Ich konnte fast keinen Schritt mehr gehen. Ich wurde ganz gebückt, da auch das Rückenmark erkrankte. Meinen linken Arm konnte ich eine Zeitlang nicht mehr vom Leibe tun und mit der rechten Hand kaum noch den Mund erreichen. Meine Hände und meine Füße wurden stark geschwollen und fast ganz steif. An meiner Hand mußte ich den Ehering herausfeilen lassen, weil diese so angeschwollen war. Ich bekam furchtbare Schmerzen; man durfte nicht an meine Haut hinkommen. Dazu hat es in meinem Kopf heftig geklopft und gehämmert, und ich spürte noch ein Rauschen. Auch das Gehör hatte ich fast verloren. Noch jetzt habe ich meine „grobeligen“ (krummen) Finger von diesem Leiden. Man könnte es mir sonst nicht glauben, daß ich gichtleidend war. Nach Aussage der Ärzte war mein Leiden unheilbar. Ich war so elend und voller Schmerzen, daß ich meinen Angehörigen oft sagen mußte: „Wer den Hiob sehen möchte; ich bin der zweite Hiob.“ Schon vor meiner Erkrankung fühlte ich mich oft sehr niedergedrückt, weil der Geschäftsführer in der Fabrik, unter dem ich gestanden habe, mich so ungerecht behandelte. Damals rief mir der Herr nochmals zu: „Aber Meine Gnade soll nicht von dir weichen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Dort hatte ich mitten in der Arbeit stillhalten müssen und ausrufen: „Ja, geht denn das mich an?“ Dann mußte ich für diese Gnade, die mir da widerfahren ist, loben und danken. Immer wieder konnte ich mich an diesem Wort aufrichten. – Ein gichtkranker Bruder, Lehrer L., sagte mir: „Wenn ein Wölkle am Himmel ist, bekommen alle Gichtleidenden große Schmerzen.“ Ich hatte auch große Schmerzen, schaute zum Himmel, richtig, da war ein Wölklein, und ich dachte: „Ach, da ist ein Wölklein am Himmel, deshalb habe ich Schmerzen.“ Ich habe es aber bald nicht mehr geglaubt. – Meine Frau hat mir geraten, ich solle mich auf die Veranda setzen und Sonnenbäder nehmen. Ich bin so hingesessen, daß mir die Sonne den ganzen Mittag auf den Rücken gebrannt hat. Ich mußte furchtbar schwitzen, und meine Frau fragte mich dann, ob es besser wäre. Ich sagte: „Nein, es ist schlimmer geworden.“ – In dieser Zeit feierten wir auch die silberne Hochzeit. Meine Mutter und meine Frau standen am Waschzuber und haben gewaschen. Ich lebte damals fast nur noch von Zitronenwasser; essen konnte ich nicht viel. Meine Frau kam zu mir herein und sagte: „Gelt, dir wird die Zeit lang?“ Ich sagte: „O nein.“ Ich war so glücklich in meinem Leiden. Es kam wohl der Arzt, den ich anfangs wegen der Krankenkasse nehmen mußte. Aber er konnte nicht helfen. „Es wird halt nicht besser,“ sagte er. Da habe ich das Vertrauen zum Arzt ganz verloren und sagte mir: „Was hat das für einen Wert?“ Meine Glieder habe ich salben und schmieren lassen; aber alles hat nichts geholfen. Auch hat mir einmal der Arzt eine Flasche Bitterwasser verordnet gegen Verstopfung; ich habe es aber stehenlassen. Der Arzt sagte aber dann, ich solle nur von diesem Bitterwasser trinken, und so habe ich die ganze Flasche auf einmal ausgetrunken. Da kam der Arzt, und als ich ihm sagte, daß ich die Flasche auf einen Sitz ausgetrunken habe, meine er: „Ja, was? Das hätte Sie können das Leben kosten.“ Es hat mir aber nichts gemacht.

Auf einmal habe ich von einem Bruder gehört, daß man durch den Glauben gesund werden kann. Da habe ich gedacht: „Das gilt mir.“ Ich habe geglaubt und immerfort geglaubt und daran festgehalten und bin immer sicherer geworden. Je größer die Schmerzen wurden, desto mehr habe ich geglaubt. Ich konnte in meinem Leidenstiegel singen loben und danken. Das war mein Sieg. Ich durfte dem lieben Heiland immer näher kommen, und durch den kindlichen Glauben bin ich im Lauf der Zeit wieder ganz gesund geworden. – Eines Abends, als ich meinte: es ist aus mit mir, erschien mir der Herr in einem Gesicht unten an meiner Bettstatt. Er hing am Kreuz mit ausgestreckten Armen und sagte mir: „Das habe ich für dich getan.“ Ich habe es im Glauben angenommen. Da strömte eine große Freude in mein Herz. Es jubelte auf, meinem Heiland entgegen, und mein Herz- und Gichtleiden besserten sich im Augenblick; denn der Herr hatte meinen kranken Leib angerührt. So trug Er mich durch, bis Er mit mir wegen Möttlingen ganz eins werden konnte. Ich sagte meinem Heiland: „Wenn es Dir gefällt, daß ich krank bleiben soll, dann gefällt mir's auch; dann bitte ich Dich: Laß mich für viele Seelen ein Segen sein.“ Ich habe nicht danach getrachtet, in das Werk des Herrn einzudringen.

Eines Sonntags waren meine Frau und meine Mutter in die Kirche gegangen. Da sagte ich: „Lieber Heiland, jetzt sind wir zu zweit, jetzt ist es am herrlichsten.“ Darauf sagte mir der Herr: „Schlag deine Bibel auf und lies 1. Korinther 12!“ Ich habe es gelesen. Vers 31 steht geschrieben: „Strebet aber nach den besten Gaben!“ Ich habe meine Bibel zugemacht und gesagt: „Lieber Heiland, ich halte es für das beste, wenn die Menschen geheilt werden am Leib und an der Seele.“ Dann hieß es: „Schlage nochmal auf!“ Ich habe wieder diese Stelle aufgeschlagen, habe sie gelesen, und als ich an den letzten Vers kam, sagte ich wieder: „Ja, lieber Heiland, das ist das beste, wenn die Menschen geheilt werden am Leib und an der Seele. Dann sind mir die Tränen gekommen, und ich sagte: „Lieber Heiland, Du weißt, ich kann mein Brot nicht mehr selber verdienen. Die Gabe kann ich mir auch nicht selbst geben. Wie wird es mich freuen, wenn Du mir diese Gabe geben würdest!“ Das war alles, (Vorher habe ich den Herrn nie um die Gabe der Krankenheilung gebeten.) Mir war es bei allem nur darum zu tun: „Ich will um jeden Preis den Erniedrigungsweg gehen.“ Ich dachte aber nicht, daß mir der Herr diese Gabe geben wollte, weil ich selbst noch nicht ganz gesund war.

Am 30. Januar 1907 erwachte ich morgens 2 Uhr. Der Herr erschien mir wieder in einem Gesicht. In meinem Zimmer wurde es ganz hell. Um mich her stand alles voll bis an die Wand mit Kranken, haufenweise, mit Krücken, mit Stecken, mit dem Arm in der Schlinge, mit bösen Füßen, fast die ganze Nacht. (Eine Frau, die vornedran gestanden ist, erkannte ich später wieder, als sie zu mir in die Arche kam. Da habe ich gesagt: „Das ist eine der Frauen, die ich damals gesehen habe.“ Mein Kutscher trug sie, die Gichtleidende, auf den Armen herein, meine Frau trug die Krücken. In diesem Augenblick kam ich dazu. Ich ließ sie ihre Krücken nicht zur Hand nehmen, sondern blickte auf zum Herrn und sagte ihr: „Im Namen Jesus laufen Sie durch den Saal!“ Sie sah mich an und sagte: „Ja, das will ich tun.“ Darauf sagte ich: „So, jetzt laufen Sie im Namen Jesu in mein Sprechzimmerle,“ was sie auch tat. Von dort an konnte sie laufen. Nach zwei Jahren kam ich wieder in ihren Ort und hörte von ihr, daß sie nie mehr die Krücken gebraucht hätte. Der Herr sagte mir, ich solle auf die Kranken die Hände legen und beten, daß sie gesund werden. Dieses Gesicht dauerte bis 6 Uhr morgens, und in den nächsten Nächten erschien mir der Herr wieder in einem Gesicht von ½ 4 bis 6 Uhr. Ich wachte in all diesen Nächten die ganze Zeit über. Durch diese Begegnungen mit dem Herr bekam ich Mut und ein kindliches Vertrauen zu meinem Heiland. Ich sagte Ihm: „Wenn du mich gebrauchen willst, daß die Kranken sollen gesund werden, mußt Du mich auch gesund machen. So kannst Du mich doch nicht gebrauchen.“ Da legte mir mein Heiland die Kraft des Glaubens tief in mein Herz. (Dreimal in meinem Leben hat der Herr Seine Hand mir aufs Haupt gelegt und mich so direkt gesalbt.) Als ich dann morgens aufstand, war mein Herzleiden vollständig verschwunden. Zu meiner Frau sagte ich freudig: „Denk einmal, mein Herzleiden ist weg!“ Und weil ich in Kniebeuge an der Gangader noch einen großen Gichtknoten sitzen hatte, der mir viel Schmerzen verursachte, sagte ich im kindlichen Vertrauen auf meinen Heiland: „So, Gichtknüpfel, du mußt auch vollends weg!“ Sofort hörten die Schmerzen auf, und der Gichtknüpfel verschwand. So sind bei mir alle diese schweren Krankheiten geheilt worden durch den Glauben an Jesus, und ich bin viele Jahre gesund geblieben. Damals bin ich den Liebenzeller Berg wieder hinauf und herunter gegangen wie ein Zwanzigjähriger. Von meinen Krankheitsschlägen hätte ich mir viel ersparen können. Aber ich muß sagen, ich war selber schuld. Von jetzt ab wandte ich keine Salben und Kräuter mehr an bei Kranken wie bisher. Aber der Herr führte mir in wunderbarer Weise die Kranken zu, wie Er es mir im Gesicht gezeigt hatte. Es war mir vor allem darum zu tun, daß sie durch Buße und Glauben zum Frieden mit Gott kamen. Auf diese Weise konnte der Herr sie auch am Leib anrühren.

Nachdem ich vom Herrn die Gabe der Krankenheilung geschenkt bekommen hatte, zeigte er mir auch in einem Gesicht den Abfall vom Glauben in unserm deutschen Volk und das schreckliche Sündenleben, wobei die Pfarrer und weißen Hauben vorausgingen. Ich mußte furchtbar weinen, weil es überall so traurig aussah. Der Herr hat mir aber auf der andern Seite wieder Mut gemacht und gesagt: „Du sollst ein Segen sein.“

So war ich einmal bei Verwandten in Möttlingen auf Besuch. Als ich fortging, redeten wir auf der Treppe noch lange miteinander. Wir konnten fast nicht von der Stelle kommen. Da sah ich mich plötzlich selber in einem Gesicht, wie ich einer großen Schar vorauslief und mit dem ausgestreckten Arm vorwärts deutete. Da durfte ich also die Schar sehen, die ich dem Herrn zuführen darf. Der Herr wollte eben haben, daß ich ganz nach Möttlingen ginge, und durch all diese wunderbaren Führungen wurde ich doch willig dazu. Schon sieben Jahre vorher wollte der Herr mich nach Möttlingen haben. Aber ich wollte nicht. Nach fünf Jahren, also zwei Jahre vorher, wollte ich, und dann sagte der Herr: „Du darfst noch nicht dahin gehen.“ Dann wollte ich überhaupt nicht mehr. Auch meine Frau und meine Mutter sagten: „Was willst du in Möttlingen tun?“ Du willst dich bloß sehen lassen!“ Aber mir ließ es Tag und Nacht keine Ruhe mehr, und der Herr blieb Sieger. Wie bin ich froh, daß ich der Stimme Gottes folgen lernte! Es erging mir wie dem Apostel Paulus: „Tue ich's gern, so wird mir gelohnt; tue ich's aber ungern, so ist mir das (Verwalter-) Amt doch befohlen.“ Vorher wurde ich aber noch von zwei auswärtigen Glaubensbrüdern gerufen, um mit ihnen an ihrem Ort zusammen zu arbeiten. Ich ging hin, und der Herr gab viel Segen, besonders für die Kranken. Ich war aber nur nahezu ein Jahr dort. Der Herr hatte mir deutlich kundgetan: „Dein Platz ist in Möttlingen!“ Ich wurde aber da und dort gewarnt, ich solle ja nicht nach Möttlingen gehen. In C. hat man mir gesagt: „Was willst du in Möttlingen? Da ist ja nichts los! Es gibt noch schönere Plätze; die ganze Erde ist des Herrn.“ Ich sagte: „Ich muß einfach nach Möttlingen!“ Meine Brüder von der Altpietistischen Gemeinschaft, in der ich früher war, hielten mich für schwärmerisch. Ich blieb aber dem Ruf des Herrn treu. Der Herr stellte mich besonders, daß Er durch mich wirken kann, wie Er will.

Ich war bei einer Konferenz in der Ziegelhütte in Möttlingen. Während die anderen Brüder im Garten auf und ab gingen, stand ich allein hinter dem Haus. Ich sah an demselben hinauf, und in diesem Augenblick sagte mir der Herr: „In diesem Haus mußt du wohnen.“ Ich sagte zum Herrn: „Was soll ich denn hier tun? Ich bin ja kein Bauer, daß ich hier arbeiten könnte!“ Er gab mir keine Antwort mehr; den Befehl hatte Er mir ja gegeben. Und wirklich mußte ich später, nachdem noch ein Stockwerk auf die Ziegelhütte aufgebaut war, dort einziehen. Mit nur ganz wenigen Gästen habe ich angefangen. Meine geringe Herkunft war eben vielen ein Anstoß. Ganz anders wäre es gewesen, wenn ich aus einem Pfarrhaus oder Dekanshaus herausgekommen wäre. Da habe ich zum Heiland gesagt: „Du weißt doch, wo ich herkomme; die Menschen haben zu mir kein Zutrauen, und Du hast mir doch die Gabe gegeben, Kranke zu heilen und Teufel auszutreiben. Jetzt sorge Du!“ Und das tat der Herr auch. Vierzehn Tage nach meinem Einzug war in dem Hause, wo ich wohnte, Konferenz. Viele Geschwister von nah und fern haben daran teilgenommen. Zehn davon blieben gleich zur Erholung da, und nach kurzer Zeit waren es schon zwanzig Gäste. – Ich erinnere mich noch gut an meinen Einzug und die erste Zeit in Möttlingen. Ich bin wirklich nicht fein empfangen worden; ich wurde verachtet und auf der Straße sogar mit Steinen beworfen. Da sagte ich: „Ja, lieber Heiland, das gefällt mir nicht, daß ich so verfolgt werde.“ Die Möttlinger meinten: „Den müssen wir ja doch verhalten!“

Es ging auch wirklich arm und gering her anfangs. Wir hatten nur unsern kleinen Eßtisch und einen Bügeltisch im Haus. Unser lieber Lammwirt gab mir dazu noch einen großen Tisch. Den durfte ich den ganzen Sommer benützen. Auch hatten wir fast kein Besteck, so daß beim Essen einige Gäste immer warten mußten, bis die Bestecke wieder gespült waren. Da erbarmten sich einige Geschwister und sagten zu mir: „Da haben Sie Geld; gehen Sie nach Calw und kaufen Sie Geschirr und Bestecke, daß wir miteinander essen können.“ Von Fabrikant Bl. bekam ich zwei Bettstellen geschenkt.

Wie lieb hat doch der Herr für alles gesorgt! So hatte er früher in Stuttgart zu mir gesagt: „Du mußt ein Harmonium kaufen!“ Ich sagte: „Ich habe doch kein Geld.“ Der Herr sagte nochmals: „Du mußt ein Harmonium kaufen!“ Dann bin ich fort in die Tübinger Straße in einen Laden und sagte dem Geschäftsinhaber: „Ich möchte ein Harmonium kaufen; ich habe aber kein Geld!“ Er sagte: „Ich warte Ihnen zwei Jahre mit der Bezahlung.“ Ich wollte das geringste Harmonium nehmen. Der Mann sagte: „Das kriegen Sie nicht; das da drüben müssen Sie nehmen. Ich gebe es Ihnen billiger; Sie dürfen es aber niemand sagen.“ Es kostete etwas über 200 Mark. In vierzehn Tagen war alles bezahlt. Dann habe ich niemand gehabt, der Harmonium spielen konnte. Da sagte mir der Herr, ich solle eine Harmonista kaufen. Ich ging wieder in das Geschäft. Der Inhaber spielte mit der Harmonista auf dem Harmonium; das hat mir so gut gefallen. Ich dachte, das wäre schon recht, wenn nur das Geld nicht wäre. Vorher hatte ich zum Herrn gesagt: „Lieber Heiland, ich habe bloß noch zehn Mark in der Tasche.“ Jetzt sollte die Harmonista dreißig Mark kosten. Ich sagte zu dem Mann: „Das ist schon recht; aber ich habe nicht so viel Geld in der Tasche.“ Da verlangte er zehn Mark. Diese habe ich gerade in der Tasche gehabt und in vierzehn Tagen war auch das Harmonium bezahlt. Wie das zugegangen ist, weiß ich heute noch nicht.

Im Hause konnten wir nur fünf Gäste behalten. Die andern wurden im Dorf einquartiert. Das war für sie, besonders bei Sturm und Regen und im Winter, sehr beschwerlich und unangenehm. Es kamen immer mehr Leute. Besonders an Sonntagen wurden die Versammlungen sehr gut besucht von Leuten aus dem Schwarzwald, aus Pforzheim und Umgebung. Zimmer und Hausflur waren meist voll besetzt. Das hat mich so sehr gebeugt, daß ich zum lieben Heiland sagen mußte: „Ach lieber Heiland, was tun denn die vielen Leute da? Ich kann ihnen nicht helfen; sei so gut und hilf Du ihnen!“

An einem solchen arbeitsreichen Sonntag durfte ich etwas erleben. Ich war müde und wollte gerade ins Bett gehen. Jetzt fängt ein furchtbares Geschrei an, das durch Mark und Bein ging; dann haben mich Leute gerufen zu einer besessenen Frau im Haus. Sie hatte sonst epileptische Anfälle (Fallsucht). Der Teufel wollte sie immer aus dem Bett werfen, und sie selbst wollte unter die Bettlade schlupfen. Von drei Personen mußte sie gehalten werden. Ganz fürchterlich hat sie geschrien. Je näher ich zu ihr hinkam, desto ärger war das Geschrei. Ich sagte: „Heiland, heute nacht gehe ich nicht ins Bett, bis Du die Person frei gemacht hast, und wenn ich die ganze Nacht aufbleiben muß.“ Auf einmal wurde sie ganz still, und in anderthalb Sunden war sie frei. Sie lag aber da wie tot. Ich hob ihr den Kopf in die Höhe; er fiel wieder zurück. Und so auch der Arm. Ich sagte zu ihr: „Morgen früh stehst du gesund auf!“ Als ich am andern Morgen zu meiner Zimmertür herauskam, begegnete sie mir auf dem Hausgang. Sie lachte und rief mir zu: „Ich bin frei! Ich bin frei!“ Sie war gesund.

In der Nacht, in der sie frei wurde, war ich im Zimmer. (Ich habe Wohnzimmer, Schlafzimmer, Sprechzimmer – alles in einem gehabt.) Ich stand an meinem Tisch, wartete, bis meine Frau das Bett abdeckte, und dachte über das Erlebte nach. Auf einmal war ich nimmer da; ich wurde blitzschnell in die Herrlichkeit hinaufgenommen. (Ob ich in oder außer dem Leibe war, weiß ich nicht.) Ich wurde in einen großen Saal gestellt, wo viele Heilige auf königlichen Stühlen saßen. Es war eine Seligkeit und eine Liebe! Ein unbeschreibliches Wohl war in mir. Ich wurde ganz durchflutet von der Liebe Gottes. Der Herr hatte ein blutbesprengtes Kleid, sah mich mit einer tiefen Liebe an und lächelte so freundlich, als ob ich in meinem Leben nie gesündigt hätte. Und so lieb bot Er mir einen Stuhl an, indem er sich leicht verneigte und die Arme ausbreitete: „Diesen Platz habe ich für dich bereitet. Hier hat der Teufel kein Recht mehr.“ Er hat mir auch das Gericht angekündigt. O wie war das eine Herrlichkeit! Am liebsten hätte ich dort bleiben wollen. Auf einmal stand ich wieder an meinem Tisch, und von allem hatte meine Frau nichts gemerkt. Am andern Tag saß ich auf dem Sofa und wurde plötzlich von einer unsichtbaren Kraft in die Höhe gezogen. Daß ich diese Stärkung meines Glaubens brauchte, wußte der Herr wohl. Am gleichen Morgen stand nämlich der Landjäger vor meiner Tür, um mich zu verhören wegen meiner Arbeit. Ich wurde vor das Amtsgericht in Calw geladen. Aber alle Bemühungen der Finsternis konnten das Werk des Herrn nicht aufhalten. Im Gegenteil, ich wurde manchmal nach auswärts gerufen, um Versammlungen zu halten. So kam ich auch an einen Ort E. in der Nähe von Pforzheim. Als ich wieder einmal eingeladen wurde und dorthin kam, sagte man mir schon beim Aussteigen aus dem Zug: „Im ganzen Ort ist die größte Aufregung und eine rechte Revolution wegen dir.“ Ich fragte: „Ja, ist denn das immer so?“ „Nein, wenn andre Evangelisten kommen, nicht, bloß wenn du da bist.“ Die dortigen Brüder wollten die Turnhalle für mich zur Versammlung mieten; dann hätten aber etliche gesagt: „Wenn der Stanger in die Turnhalle kommt, treten wir aus dem Turnverein aus.“ Ich mußte in einen Wirtschaftssaal gehen; sie hatten die Polizei vor den Saal bestellt, aber ich sagte: „Was macht ihr da?“ Was brauchen wir Polizei!“ Wie ich in den Saal kam, sagte man mir, daß sämtliche sozialistischen Gemeinderäte da seien. Man ließ im Hof ein Schwein heraus, das jämmerlich geschrien hat. Damit wollten sie mich abschrecken und mutlos machen. In meinem Innern hat es aber geheißen: „Aber wartet, heute wird das Schwert des Geistes gezogen.“ Dann kamen die Sozialdemokraten und schrien in den Saal herein. Da hat es wieder in mir geheißen: „Aber wartet, heute wird das Schwert des Geistes gezogen, den rechten Weg, daß ihr euch verwundern werdet.“ Es wurde auch so. Nachher habe ich noch Sprechstunde gehabt bis nachts 12 Uhr. Es kam hoch und niedrig, darunter auch ein Bauersmann, der zu mir sagte: „Ich mußte so arg schwitzen in der Versammlung. Mein Kamerad fragte mich: „Warum schwitzest denn du so?“ – „Ja,“ sagte ich, „da muß man schwitzen, da kann man nicht anders.“ So traf ihn das Wort. Ich gab ihm Handauflegung, und er bekam Frieden. Später kam er wieder und bedankte sich extra. Dann kamen zwei Frauen (die eine war eine geschiedene) und sagten: „Wir lagen schon im Bett, da haben wir gesagt, wir wollen aufstehen und zum Stanger gehen; wer weiß, ob er nochmal eine Sprechstunde hält!“ Beide taten Buße und bekamen Frieden mit Gott. Hernach kamen noch drei Frauen, die mir sagten: „Wir waren schon halbwegs auf dem Heimweg, da sagten wir: „Wir wollen umkehren und in die Sprechstunde gehen; wer weiß, ob Stanger nochmal eine Sprechstunde hält!“ Alle drei taten Buße und bekamen Frieden mit Gott. Es war Mitternacht geworden, und ich machte die Tür auf, um nachzusehen, ob noch jemand vor der Tür stände. Da lief ein Frauenzimmer an die Tür her. Ich fragte: „Wollen Sie auch noch herein?“ Ganz grob sagte sie: „Nein, zu Ihnen will ich nicht!“ Eine andere Person ging an die Treppe vor und sagte hinunter: „Jetzt kommt er.“ Ich hörte das, ging auch vor, war voller Mut und schrie mit einer Donnerstimme die Treppe hinunter: „Was ist's, wollt ihr auch kommen oder nicht?“ Sie riefen: „Nein, zu Ihnen wollen wir nicht!“ Als ich die Treppe hinunterstieg, standen sechs Männer auf der Treppe, drei rechts und drei links, wie hingebannt; keiner konnte ein Glied rühren. Ich ging mitten durch sie hindurch. Wie ich drunten war, habe ich hinaufgerufen: „Gute Nacht! Schlaft recht gut!“ – „Ja, Sie auch!“ war ihre Antwort. Sie mußten stehenbleiben, bis ich zum Haus hinausgegangen war. Die Brüder hatten große Angst um mich gehabt, und am andern Tag sagte ein Bruder zu mir: „So etwas haben wir noch nie erlebt!“ Als ich wieder zu Hause war, schickten mir die Sozialdemokraten eine Zeitung, in welcher stand: „Der Stanger hat die Sozialdemokraten scharf mitgenommen; aber wir wollen nicht streitig machen, ob der Friederle von Möttlingen nicht von Gott gesandt sei.“ Ich habe mich früher daran aufgehalten, warum die Juden den Heiland nicht den Hügel hinunterwerfen konnten, und habe den Herrn gefragt: „Wie ist denn das, Du gingst mitten durch sie hindurch, und keiner konnte Dich anrühren?“ Ich bekam damals keine Antwort. Nun habe ich es selber erlebt. Was geschah nachher? Diejenigen, welche mir feindlich waren, sagten zu denen, die ein andres Leben angefangen hatten: „Wir haben geglaubt, das vom Stanger sei alles Schwindel; wir sehen aber, daß ihr einen ganz andern Wandel führt. Jetzt wollen wir auch mit euch in die Versammlung gehen.“

Auf diese Weise wurde es immer mehr bekannt, daß der Herr mich erwählt hatte, so daß ein Bauersmann von Möttlingen sagte: „Talauf, talab hört man nichts andres als vom Stanger.“

Es zeigte sich immer deutlicher, daß die Ziegelhüttewohnung auf die Dauer zu klein war. Kurz darauf ist mir der Herr bei einem Nachmittagsgang ins Feld, bei Waidelichs Haus, neben der Ziegelhütte begegnet und sagte zu mir: „Jetzt wird die Rettungsarche gebaut.“ Ich stand da und wußte erst gar nicht, was ich sagen sollte, bis ich zur Antwort gab: „Ich habe ja kein Geld, ich kann doch nicht bauen; aber ein treuer Haushalter will ich sein.“ Dann sagte der Herr: „Ich will für dich sorgen über alle Maßen!“ Vorher hatte ich bei einer Andacht den Text von Noah. Dabei sagte ich: „Das hier ist auch nichts andres als eine Rettungsarche. Da kommen die Leute von der Sündflut hereingeschwommen und werden geheilt an Leib und Seele. Und wenn trocken Wetter ist, gehen sie wieder!“ Dieser Name „Rettungsarche“ hat dem Herrn wohlgefallen.

Am heiligen Christfest wurde mir die Wohnung in der Ziegelhütte gekündigt. Ich sollte die Wohnung noch im Januar verlassen. Nun standen mehrere Brüder zusammen und sagten: „Jetzt müssen wir halt bauen!“ Ein lieber Bruder, mit dem der Herr noch besonders redete und der auch Erfahrung im Bauen hat, nahm die Sache in die Hand. Und so ging es rasch voran. Der Herr zeigte mir ganz deutlich, welchen Acker ich kaufen soll. Und als ich an einem Sonntagmittag daran vorbeiging, sagte der Herr: „Du mußt den Acker kaufen.“ (Schon als Knabe stand ich einmal vor dem gleichen Acker, wo ich auf einmal eine große Freude bekam.) Ich habe mich nicht lange mit Fleisch und Blut besprochen. Gleich ging ich zu den Leuten hin, denen der Acker gehörte, und sagte: „Grüß Gott! Mein Heiland will den Acker (Gewand Brunnenäcker) kaufen.“ „Ja,“ sagten sie, „das gibt man nit so gern her, weil er so nah am Dorf liegt. Das ist ein Erbstück.“ „Das hat gar nichts zu sagen,“ sagte ich; „mein Heiland will den Acker kaufen, und dabei bleibt's.“ Sie sagten: „Das müssen wir erst unsrer Tochter nach Nagold und unserm Sohn nach Waiblingen schreiben.“ Und wunderbar! Beide antworteten sofort, sie sollten mir nur den Acker geben. Die Tochter schrieb noch, sie hätte schon vor einiger Zeit im Traum auf ihrem Acker ein Haus im Ährenfeld gesehen. Die Frau wunderte sich sehr und sagte: „Mir was will denn der Stanger ein Haus bauen? Der hat doch gar kein Geld!“ Die Leute hatten auch ganz recht; denn mit nur 40 Mark Vermögen bin ich nach Möttlingen gekommen. Damals sagte ich zu meiner Frau: „Da sieh her! (dabei zeigte ich ihr zwei Zwanzigmark-Goldstücke und etwas Kleingeld) – ich habe Geld gerade genug; das reicht noch lange.“ So habe ich dann den Acker gekauft. Auch wollte man mir vom Oberamt die Erlaubnis zum Bauen nicht geben; aber ein Pfarrer aus dem Elsaß, der als Gast da war, ist fest für mich eingetreten. Im Glauben fingen wir an zu graben und zu bauen. Es dauerte fünf Monate, bis wir einziehen konnten in das Haus im Ährenfeld, in die Rettungsarche. Die Einweihung der Arche fand am Sonntag, dem 14. November 1909, statt. Viele Seelen haben im Lauf der Zeit in diesem Haus Frieden mit Gott und Heilung an Leib und Seele gefunden. Lob, Ehre und Preis und Anbetung sei unserem Herrn und Heiland dafür in alle Ewigkeit!


Friedrich Stanger – Autobiografie


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Roland Best

Über Roland Best

Roland Best ist Wirtschaftsinformatiker und Internet Erfolgshelfer mit Hauptfokus auf erfolgsoptimiertes Online Business und verkaufsoptimierte Webseiten.
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